
Es sind oft die einfachsten Dinge, die uns vor die schwierigsten Fragen stellen. Vielleicht erklärt das die derzeitige Ratlosigkeit über die Demokratie, die diejenigen besonders trifft, die gerne in letzterer leben oder leben würden. Mit Erica Benner tritt die Vertreterin einer Disziplin an, der man die Beantwortung der schwierigen Fragen über die einfachen Dinge gerne überlässt. In ihrem fünften Buch „Adventures in Democracy. The Turbulent World of People Power“ geht es der Philosophin und Politikhistorikerin jedoch nicht um einfache Antworten. Benner verwendet ihren Werkzeugkasten – einordnen in einen historischen, sozialen und ideengeschichtlichen Kontext und anschließendes Stellen herausfordernder Fragen – um Leser:innen das Abenteuer der Herrschaft der Freien und Gleichen über sich selbst mitzunehmen. In insgesamt 20 kurzen essayhaften Beiträgen rollt Benner zentrale und drängende Fragestellungen aus der Theorie und vor allem aus der Praxis der Demokratie aus. Episoden aus Benners Kindheit, Jugend oder von den Anfängen ihrer akademischen Arbeit leiten dabei über zu den Gegenwartsbefunden am Schmerzpunkt, dem Verhältnis zwischen Freiheit und Gleichheit, oder dem Wunsch nach der eigenen Ermächtigung unter Ausschluss möglichst vieler anderer. Das Motiv des selbstgefälligen Herunterspielens oder Leugnens der eigenen tyrannischen Restbestände ist ein Thema, das sich an mehreren Stellen in diesen 20 Kapiteln wiederfindet. Etwa wenn Benner nach der Beteiligung von Frauen und Fremden fragt, danach, wie sowohl im antiken Griechenland als auch in der ältesten Demokratie der Welt die Sklaverei unter demokratischen Bedingungen lange erhalten blieb, oder warum wir so leicht die Verantwortung für unser Zusammenleben bei Demagog:innen oder Expert:innen abgeben wollen.
Eine wesentliche Unterscheidung hält die sehr heterogenen Kapitel zusammen. Benner unterscheidet zwischen dem Machtteilungsansatz und dem monopolistischen Ansatz. Bei ersterem steht ein produktives Zusammenleben in Sicherheit im Vordergrund. Sorgen um den Verlust der Selbstbestimmtheit werden ernst genommen, egal ob sie aus dem katholisch-konservativen Hinterland Ostpolens kommen oder aus der LGBTIQ+ Community in Ungarn. Im Machtteilungsansatz sind Meinungen und Werthaltungen auch für diejenigen relevant, die sie nicht teilen. Letzterer sieht Politik in erster Linie als Konkurrenzkampf, den es unter allen Umständen zu gewinnen oder zumindest nicht zu verlieren gilt. Politik ist wie Krieg und für die unterlegene Seite stellt sich immer die Frage, ob eine Abspaltung von der siegereichen Seite nicht besser wäre.
Mit der Frage nach dem Verhältnis zwischen Gleichheit und Freiheit zieht sich ein zweites Hauptthema durch das Buch. Sei es bei spezifischen Fragen wie der Rolle von Bildung, der Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft oder der demokratischen Transformation ehemaliger kommunistischer Staaten, sei es bei der allgemeinen Frage nach dem Verhältnis dieser beiden Grundlagen der Demokratie, Benner sieht das eine nur mit dem anderen als auf Dauer möglich. Gleichheit gilt natürlich zunächst für politische Beteiligungschancen, Benner wagt sich jedoch auch auf in der Demokratieforschung oft gemiedenes Gelände vor, nämlich zur Frage, wieviel wirtschaftliche Ungleichheit, wieviel Abstand zwischen Arm und Reich die Freiheit aller aushalten kann. In diesem Kapitel begegnet die junge Benner, noch ganz unter dem Eindruck der Lektüre von Ayn Rands „Atlas Shrugged“, auf einer Entdeckungsreise der eigenen persönlichen Freiheit an Bord einer Fähre zwischen Wales und Irland dem kolumbianischen Sozialisten Javier, ein Gespräch beginnt. An einer anderen Stelle lässt Benner ihre Studierenden aus Osteuropa zu Wort kommen, die uns einen kritischen Blick aus einem Land anbieten, das für seine demokratische Freiheit zu kämpfen hatte und vom Staffellauf kapitalistischer Marktwirtschaft und Demokratie, dessen Sieg als sicher galt, enttäuscht wurde.
Benners Demokratiebild ist das der abendländischen liberalen Demokratie, Benners Lieblingsautoren Plato, Herodot und vor allem Machiavelli prägen dieses Bild wesentlich. Dieser Zugang schadet nicht, ruft die Autorin doch zur selbstkritischen Reflexion darüber auf, ob dieser Zugang Allgemeingültigkeit beanspruchen kann. Dennoch fehlt der Hinweis auf zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten dieser Form der Demokratie, etwa hin zu mehr Bürger:innenbeteiligung und Entscheidungstransparenz, denn Benner kann nicht plausibel machen, wie die Tugenden und Fähigkeiten einer Bevölkerung zum demokratischen Zusammenleben entwickelt und gestärkt werden könnten. Dass sie das selbst versucht, etwa in Form eines Fahrplans, wie Demokratien in Diktaturen verwandelt werden, macht das Buch letztlich bereichernd und lesenswert.








