„Ich gehöre zu den Vertretern eines ,linken Alarmismus', hellhörig gegenüber allem, was aus dem dumpfen Schoß meines Volkes sich rührt." Friedrich Schorlemmer, 1993 Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, hatte schon vor zwanzig Jahren als Studentenkaplan und mit seinen Mitarbeitern in der Evangelischen Akademie Wittenberg unterdrückte Informationen öffentlich gemacht und vor den Folgen der DDR-Politik gewarnt. Vor der "Wende" 1989 waren es hektograpierte Papiere "nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch", später in Reden und Predigten auf Kundgebungen der Bürgerbewegungen und nun - als SPD-Lokalpolitiker in Zeitungsartikeln und Ansprachen zu aktuellen politischen Problemen.

In diesem Band werden 55 davon - vorwiegend aus den Jahren 1992 und '93 - dokumentiert. Die Gratwanderung der "Kirche im Sozialismus" ist zu einer diffusen Auseinandersetzung mit der immer weniger geliebten "übereilten deutschen Einheit" und ihren asozialen Folgen geworden. Von seinen früheren oppositionellen Freunden wegen seines Arrangierens mit und in traditionellen politischen Strukturen kritisiert, gesteht er ehrlich, dass für ihn und seine "Kirche in der Krise" die Hoffnung auf eine "wachsende Einheit" eher im gemeinsamen Engagement mit Bürgerbewegungen liegt. Es dürfte zumindest ihm bewusst geworden sein, dass ethische Appelle und karitatives Handeln allein gegen eskalierende Bedrohungen wenig ausrichten.

Rei.

Schorlemmer, Friedrich: Freiheit als Einsicht. Bausteine für die Einheit

München: Knaur, 1993. 3475., DM 9,90/sFr 10,90/ÖS 77