kunkelUnter dem deutschen Titel „Unentschlosssen“ hat Benjamin Kunkel 2005 einen Bestseller gelandet, der längst als New Yorker Kultroman gilt. Anstatt einen weiteren fiktionalen Erfolg anzusteuern, beschäftigt sich der Erfolgsautor nun eingehend mit Literatur zur krisenhaften Entwicklung des Kapitalismus aus linker Perspektive. Motivation dazu war wohl die Antipathie gegenüber der neoliberalen Restauration der USA und die Erkenntnis, dass das gegenwärtige System nicht zukunftsfähig sei. Nach eigener Aussage ist der Zweck des Buches aber ein ganz und gar unbescheidener, denn Kunkel möchte Hilfestellung bei der intellektuellen Orientierung geben, um den zerstörerischen Kapitalismus, die Aushöhlung der Demokratie und ökologische Zerstörung durch eine neue, bessere Ordnung zu ersetzen.

In sieben Essays liefert er eine Einführung mit kritischen Anmerkungen in das marxistische bzw. linke Denken ausgewählter Autoren. Hierzulande sind wohl am ehesten David Graeber, Anthropologe und Autor des Buches „Schulden: Die ersten 5000 Jahre“, der Philosoph und, wie Kunkel ihn nennt, „vulgäre Schlaumeier“ Slavoy Zizek und Thomas Piketty, Autor von „Der Kapitalismus im 21. Jahrhundert“ (s. PZ 1/2015) bekannt.

Kunkels Ausgangsthese lautet, dass sich die internationale Linke in einem erbärmlichen Zustand befindet. „Seit mindestens einer Generation herrscht nicht nur in der breiten Öffentlichkeit, sondern auch bei vielen Radikalen Ungewissheit, ob die Linke überhaupt über eine grundlegende Analyse des zeitgenössischen Kapitalismus verfügt – von einem Plan für seine Ablösung ganz zu schweigen.“ (S. 8) Wenn es aber so gar keine Utopie mehr gibt, die als mögliches Gegenmodell zum globalen Kapitalismus dienen könnte, verkomme marxistisches Denken zu einem Klub für Philosophen, so Kunkel. Lediglich eine Beschreibung des Kapitalismus und ein paar Reformvorschläge sind ihm aber zu wenig. In erster Linie gehe es um die Frage nach gesellschaftlicher Stabilität und um die Möglichkeit von Gerechtigkeitszuwachs, was ihm auch von Robert Misik in der TAZ (15.11.2014) eine Leseempfehlung eingebracht hat.

In seiner kritischen Würdigung bemerkt Kunkel zu Slavoy Zizek, „dem intellektuellen Popstar“ mit seiner „unerträglichen Leichtigkeit des Kommunismus“ an, „dass sein Konzept des Kapitalismus unzureichend präzisiert und seine Vorstellung vom Kommunismus weitgehend nebulös ist“ (S. 154). Auch die plakative Ablehnung des Reformismus und der parlamentarischen Demokratie sowie die Feststellung, dass Reformen und Revolution Verbündete seien, wird infrage gestellt. Denn für Kunkel sind die Zeiten vorbei, „in denen die Linke sich mit der nichtssagenden These zufriedengeben konnte, eine andere Welt sei möglich“ (S. 157).

Im Kapitel über Thomas Piketty wundert sich Kunkel, warum dessen „Erörterungen der Ungleichheit, ein Thema, mit dem Linke sich seit Jahrzehnten beschäftigen“, für die Medien eine solche Offenbarung waren (vgl. S. 191). Der Autor teilt im Übrigen Pikettys Vorschlag einer progressiven jährlichen Vermögensteuer für Individuen, bewundert, wie er die wachsende Ungleichheit mit statistischem Material und Daten dokumentiert, bedauert aber gleichzeitig, dass ihm der Durchbruch zu einer erneuerten politischen Ökonomie, die er in Aussicht gestellt hat, nicht gelungen sei. „Und die von ihm aufgeworfenen Fragen nach dem ökonomischen Wert, der Verteilungsgerechtigkeit und der Dynamik des Kapitalismus lässt er unbeantwortet.“ (S. 191). Kritisch beurteilt Kunkel auch den Anthropologen David Graeber und dessen anarchistische Gleichsetzung von Staat und Gewalt. Anstatt auf ideologische Prinzipien zu beharren, komme es darauf an, den Waren- und Geldverkehr unter vernünftigen Bedingungen zu organisieren.

Auch wenn ich in dieser Rezension nicht auf alle vom Autor analysierten Protagonisten eingehen kann, sind die  versammelten Befunde durchwegs zu empfehlen, liefern sie doch einen kompakten Einblick in die Gedankenwelt einiger bedeutender Denker unserer Zeit und belegen nicht zuletzt, dass Kunkel auch in diesem Genre mit großer Sachkompetenz glänzt.    Alfred Auer 

 Kunkel, Benjamin: Utopie oder Untergang. Berlin: Suhrkamp, 2014. 246 S.,

€ 18,- [D], 18,70 [A] ; ISBN 978-3-5181-2687-5