Der Sozialismus werde als geistiges Geschöpf der Vergangenheit wahrgenommen. Das bedauert Axel Honneth in seinem Buch "Die Idee des Sozialismus". Der Text basiert auf seinen Hannoveraner Leibniz-Vorlesungen im Jahr 2014, bei denen er seine Ideen formulierte und wo er aus den Diskussionen noch Anregungen mitnahm. Im Sozialismus stecke noch ein lebendiger Funke, wenn seine leitende Idee nur entschieden genug aus seinem im frühen Industrialismus wurzelnden Denkgehäuse herausgeschält und in einen neuen gesellschaftstheoretischen Rahmen hineinversetzt werde, so Honneth (S. 12) Der Autor will genau das leisten und legt eine Aktualisierung der Grundideen des Sozialismus vor. Der Sozialismus wird bei ihm zum Wegbereiter der sozialen Freiheiten.

Der Reihe nach. Wir legen aus dem alten sozialistischen Arsenal der Begriffe einige Dinge beiseite. Erstens die Idee des Proletariats als revolutionäres Subjekt. Zweitens verwerfen wir die Annahme geschichtlicher Bewegungsgesetze.

Dann bauen wir auf. Die Erneuerung besteht in der Ausdehnung des Gedankens der sozialen Freiheit auf alle konstitutiven Sphären moderner Gesellschaften. Honneth unterscheidet drei gesellschaftliche Bereiche: Zum einen den Bereich des wirtschaftlichen Handelns. Zum zweiten die Welt der politischen Willensbildung und schließlich die Sphäre der persönlichen Beziehungen.

Die sozialistische Bewegung im Kapitalismus stehe dafür, soziale Abhängigkeiten und Exklusionen in allen diesen drei Bereichen schrittweise zu überwinden. Er wolle aber mehr: Nämlich in allen Sphären die Situation herstellen, dass "die Gesellschaftsmitglieder in ihnen zwanglos füreinander tätig sein können." (S. 165) Entscheidend sei, dass der Blick auf eine Gesellschaft gerichtet bleibe, in der individuelle Freiheit nicht auf Kosten, sondern mit Hilfe der Solidarität gedeihe.

Bei Honneth beschränkt sich diese Überwindung der Fremdbestimmung im Unterschied zu früheren Konzepten aber nicht auf die Ökonomie. Sozialismus in der von Honneth gedachten Form stehe für die Überwindung der Abhängigkeit auch im Privatleben und in der politischen Willensbildung. Der veränderte Sozialismus "kann sich einerseits in seinen Visionen einer besseren Zukunft nicht bloß auf die wirtschaftspolitische Vorstellung beschränken, den Bereich des ökonomischen Handelns durch geeignete Maßnahmen zu vergesellschaften, weil er inzwischen gelernt hat, daß auch in den Familien- und Liebesbeziehungen wie in den Verfahren der öffentlichen Willensbildung überhaupt erst die Bedingungen der sozialen Freiheit herbeigeführt werden müssen; andererseits aber muß er sich dabei im Unterschied zu seinen Ahnherren noch mehr auf ein Wissen um historische Gesetzmäßigkeiten stützen und muß daher das, was in den verschiedenen Sphären herbeigeführt werden soll, stets erst wieder neu durch experimentelle Erkundungen und entsprechend veränderte Erkenntnisse in Erfahrung bringen." (S. 165) Die drei Sphären sollten in Zukunft nach Möglichkeit derart aufeinander bezogen sein, daß jede dabei soweit wie eben möglich ihren nur je eigenen Normen folgt, sie gemeinsam im ungezwungenen Zusammenspiel aber die beständige Reproduktion der übergeordneten Einheit der Gesamtgesellschaft bewirke. Demokratie bedeute, dass in jeder Situation der Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft die Erfahrung egalitärerer Partizipation gemacht werden könne (S. 144).

Honneth, Axel: Die Idee des Sozialismus. Berlin: Suhrkamp, 2015. 166 S., € 22,95 [D], 23,60 [A] ; ISBN 978-3-518-58678-5