Prof. Drucker, produktiver austro-amerikanischer Wirtschafts- und Managementtheoretiker, unternimmt in seinem jüngsten Buch den Versuch, aufgrund sich schon heute abzeichnender Entwicklungen die Konturen der "postkapitalistischen Gesellschaft" zu umreißen. Er gliedert sein Unternehmen in drei Teile. Zuerst untersucht er Gesellschaft und Wirtschaft; dabei konstatiert er, daß nicht mehr Kapital und/oder Arbeit, sondern Wissen die entscheidende Ressource ist, worauf sich die Führungsetagen erst einstellen müssen. Die Gesellschaft wird zu einer "Organisation der Organisationen" werden, in der nur Unternehmen erfolgreich bestehen werden, die den "Wissens-Mitarbeiter" als gleichberechtigten Partner in hochspezialisierte Teams einbinden und durch Auslagerung von Arbeitsfeldern eine hohe Konzentration auf ihre zentralen Aktivitäten erreichen. Im zweiten Teil geht es um die Zukunft des Staats. Drucker sieht den herkömmlichen Nationalstaat auf vielen Gebieten bereits von neuen Realitäten (wie globalen Kapital- oder Informationsflüssen) überholt und zugleich von Problemen (wie Umwelt, Terrorismus, Abrüstung und den aufkommenden Regionalismen) überfordert. Die Regierungen werden ihre Handlungsfähigkeit nur zurückgewinnen, wenn sie sich aus den (gescheiterten) Überengagements in Wirtschaftlichen und sozialen Belangen (als "Megastaat") zurückziehen und auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren: die Investition in Wissen und die Schaffung eines Klimas, in dem mündige Bürger wirtschaftliche Entscheidungen treffen und soziale Verantwortung übernehmen. Im dritten Teil, "Wissen", fordert Drucker die Entwicklung einer neuen Wirtschftstheorie, die sich der kommenden wissensbestimmten Gesellschaft stellt. Dabei wird u.a. ein neues Verständnis von Schule zu entwickeln sein, die auf der Basis einer breiten Allgemeinbildung für alle Altersstufen offen ist. Die Wissensgesellschaft wird einen Menschen brauchen, der "humanistische" und technisch-wirtschaftliche Kenntnisse in einer ganzheitlichen Bildung vereint.  Liegt es an der umfassenden Intention oder am US-amerikanischen Denkstil: insbesondere ein europäischer Leser wird etliche der geschichtlichen Überblicke und die daraus gezogenen Schlüsse Druckers öfters als undifferenziert bis reduktionistisch empfinden. Der breite Horizont, die Fülle an herangezogenen Quellen und die griffig formulierten Thesen machen das Buch trotzdem zu einer interessanten und kurzweiligen Auseinandersetzung mit der Zukunft unserer Gesellschaft. W R.

Drucker, Peter F: Die postkapitalistische Gesellschaft. Düsseldorf, Wien, New York, Moskau: Econ 1993. 320 S., DM 68,- / sFr 57,60/ öS 530