Wohnanlagen in Erdbebengebieten müssen von ihrer Konstruktion und Bauweise her vor allem ein Kriterium erfüllen: das der Flexibilität als Fähigkeit der Anpassung an bzw. des Ausgleichs von Bodenerschütterungen. Die "modernen" ArbeitnehmerInnen müssen ähnlich diesen Gebäuden flexibel sein sich den unternehmerischen Beben und Erschütterungen dynamisch angleichen und dabei das Postulat bereitwilliger Anpassung vor allem in punkto Arbeitszeit erfüllen. Flexibilität ist ein Teil unserer Zivilisationsdynamik; einerseits gehen Traditionen und eingeprägte Lebensrhythmen verloren, andererseits steigen durch Aufbrechen festgefahrener Zeitstrukturen die Handlungs- und Lebensmöglichkeiten. In der Bundesrepublik gibt es für drei Viertel der Arbeitnehmerinnen die tradierten Normalarbeits- und, als Äquivalent. feste Normalfreizeiten nicht mehr. Hier stellt sich die Frage, welchen Preis die Arbeitnehmerlnnen für diese neue "Freiheit" flexible Arbeitszeit zahlen und wie gerne sie ihn zahlen.

Im Rahmen eines Forschungsprojektes wurden 1545 Vollzeit-Erwerbstätige der Bundesrepublik ersucht, ein 7-Tagebuch rund um die Uhr zu führen, ihre Arbeit und ihre Freizeitaktivitäten einzutragen. Ein weiterer Zentralpunkt der Studie ist die Ermittlung der Zufriedenheit mit den geänderten Zeitstrukturen: wird/kann die steigende Zeitflexibilität auch als Lebensqualität erfahren werden? Wird die Auflösung der Normalarbeitszeit von den Betroffenen als Zugewinn an Zeitsouveränität oder lediglich als Verlust gewohnter Zeitstrukturen wahrgenommen? Die vorliegende Dokumentation hat die Ergebnisse der Studie übersichtlich und detailliert aufgearbeitet; hier wird deutlich, dass Arbeitszeitflexibilisierung und Autonomisierung der persönlichen Lebensplanung nicht gleichgesetzt werden können; es sind in erster Linie betriebliche Notwendigkeiten und nicht die Wünsche der Arbeiternehmerinnen, die flexible Arbeitszeiten nötig machen. Der überkommene gesellschaftliche Zeitrhythmus mit freiem Wochenende und freien Abenden hat die zeitlichen Horizonte und Erwartungen aller Familienmitglieder geprägt. Durch neu gestaltete Arbeitszeiten werden zugleich neue Zeitkulturen geschaffen. Diese wiederum fordern eine eigene Zeitpolitik. die ein an menschlichen Bedürfnissen und nicht betrieblichen Strukturen orientiertes Maß an kollektiven Rhythmen bietet und die Sozial- und Familienverträglichkeit von Arbeitszeiten absichert.

C. R.

Garhammer; Manfred: Balanceakt Zeit. Auswirkungen flexibler Arbeitszeiten auf Alltag, Freizeit und Familie.

Berlin: Ed. Sigma, 1994. 269 S., DM 36,- / sFr 33,10/ ÖS 281,-