Gegenstand des vorliegenden Bandes ist eine vergleichende Beschreibung, Analyse und Deutung der Zeitstrukturen und -kulturen in vier Ländern  der Europäischen Union (Deutschland, Großbritannien, Spanien und Schweden). Dem Autor geht es dabei v. a. um die Frage, wie die Europäer mit ihrer Zeit umgehen - von den Regeln der Arbeitszeiten bis zu den bevorzugten Freizeitaktivitäten und wie sich mit der Integration Europas und mit der Globalisierung der Alltag verändert. Auf Grundlage umfangreicher empirischer Studien versucht der Autor, Theorie und Praxis der Zeitforschung zusammenzuführen. Dabei interessieren ihn auch nationale Besonderheiten und europäische Gemeinsamkeiten im Verhältnis zu den USA und Japan.

Zunächst werden die historischen Vorgänge in den ausgewählten Nationen seit 1985 (Schwelle zu einer neuen Modernisierungsphase) untersucht und die Frage gestellt, ob es eine südländische, eine kontinentaleuropäische, eine britische und eine skandinavische Zeitkultur überhaupt noch gibt. Garhammer belegt die Annäherung in den Strukturen des Zeitbudgets zwischen den einzelnen europäischen Nationen und zwischen dem westeuropäischen, dem US-amerikanischen und dem japanischen Modell. Zwar bestehen national typische Strukturen des Tagesablaufs fort, sie werden aber zunehmend ausgeglichen. Einerseits befindet sich die spanische Siesta in Auflösung, andererseits adaptiert die Freizeit- und Eßkultur in ganz Europa Elemente aus dem Süden.

Der Wandel der Zeitstrukturen zeigt sich zunehmend auch am Verlust des Wochenendes. “Das amerikanische Leitbild der Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft greift langsam auch in Europa.” (S. 364)  Signifikant ist auch ein immer dichterer Zeitablauf und ein Verlust der Erholungs- und Ruhephasen, nicht zuletzt bedingt durch die inzwischen übliche Berufsarbeit von Mann und Frau, wodurch “gesellschaftlich gesehen mehr Menschen unter dem Druck stehen, Beruf und Familie in ihrem Alltag zusammenzubringen” (S. 447). Im Zeitalter der Ökonomisierung der Zeit hängt die Zeitnutzung der Europäer, so der Autor, immer mehr von Brüssel sowie von den Börsen in New York und Tokyo ab. Angesichts der Deregulierung der Zeitkultur wäre nach Ansicht Garhammers eine Re-Regulierung nötig, die neue Wünsche nach Zeitsouveränität mit sozial verläßlichen Standards vermittelt. Der Autor sieht jedoch weit und breit keine Akteure einer Bewegung (auch nicht die Gewerkschaften) gegen das neoliberale Gesellschaftsprojekt. Deshalb fordert er zumindest eine auf die soziale Zeit bezogene Zeitpolitik, um schädliche Folgen für die Menschen und ihre Gemeinschaft soweit als möglich hintanzuhalten.


A. A.

Garhammer, Manfred: Wie Europäer ihre Zeit nutzen. Zeitstrukturen und Zeitkulturen im Zeichen der Globalisierung. Berlin: Ed. Sigma, 1999. 555 S., DM 58,- / sFr 52,50 / öS 423,-