“Müßiggang ist aller Laster Anfang!”, das ist das Sprichwort einer “Non-Stop-Gesellschaft”, deren Ökonomie die Zeit als lineares, mechanisches System versteht, das meß- und teilbar, also quantifizierbar ist und daher die Menschen als “gehetzte Zeitsparer” (Reisch S.131) durch die Gegend rennen läßt. “Gut Ding braucht Weile” wäre die adäquate Gegenantwort, ein Spruch der Großelterngeneration, der in seiner “Unschuld” und Altmodischheit für die EnkelInnen mit ständigem Blick auf die Uhr und der optimalen Verwertung jeglichen Zeit-Raums fast schon anstößig erscheinen mag. Die neue Zeitkultur ist außer Atem, und der Zeitstreß ist schon längst keine private Herausforderung mehr, sondern zu einem gesellschaftlichen Problem geworden. Trotz dieser Problematik und ihrer immensen Bedeutung gestalten sich die Zeitlandschaften noch als wenig zugängliches Terrain. Der Faktor Zeit wird kaum als eigene Größe in der herkömmlichen ökonomischen Theorie behandelt, gleichwohl die Zeit elementar für die kapitalistische Wirtschaftsweise ist, denn die Zeitlandschaften werden faktisch durch die ökonomischen Verwertungspraxen und die Technologieanwendung gestaltet: time is money!

Die 11 Autorinnen, Spaziergängerinnen durch die Zeitlandschaften, wie sie von den Herausgeberinnen charakterisiert werden, machen sich daher auf, um die Kategorie “Zeit” in ihren vielfältigen Beziehungen und ihrer vielschichtigen Einbettung in die räumlich-sozialen Gebilde zu untersuchen. Allen Beiträgen liegt die Ausgangsthese zugrunde, daß der Weg hin zu einer nachhaltigen Entwicklung nur über die Neugestaltung der Zeitlandschaften führen kann. Dabei geht es nicht nur um die menschliche Zeit, sondern genauso wichtig sind die prozeßhaften Zeiten der Umwelt. Die Dynamik von Werden und Vergehen, von natürlichem Wachstum und Verfall als Eigenzeiten von Organismen gedacht, scheinen der linearen Zeitauffassung diametral entgegenzustehen: Urzeit gegen Uhrzeit!

Uta von Winterfeld legt in ihrem ausgezeichneten Artikel die “hohe Eingriffstiefe” heutiger Technologien dar: Am Beispiel der Kernspaltung, der Gentechnik und der FCKW erläutert sie den strukturverändernden Vorgang, der nicht mehr bei den Phänomenen, sondern bei der Steuerung dieser ansetzt: Wachstum bzw. Reaktionszeiten werden beschleunigt, der Verfall (Beispiel Gentomate) wird verlangsamt, was nichts Geringeres als den Eingriff in Evolutionszeiten bedeutet. Dieser Größen- und Machbarkeitswahn männlicher Technik ignoriert zeitliche Folgen und läßt keine “Fehlerfreundlichkeit” (Winterfeld, S. 78 ) mehr zu: Fehler im Atomkraftwerk sind irreversibel und in der Zeit nicht aufhebbar.

Der geschlechtshierarchische Umgang mit der Zeit, geprägt vom Industriesystem mit der eindimensionalen Beschleunigung und der Ausblendung alles Prozeßhaften, soll einer feministischen öko-sozialen Zeitpolitik weichen, deren prägnanteste Forderung die “Zukunftsoffenheit statt Zeitherrschaft” ist. “Es gilt daher, das Verhältnis zwischen Zeit, Herrschaft und Geschlecht, zwischen Zeitrationalitäten und Geschlechterverhältnis, zwischen Umgangsweisen mit Zeiten und Herrschaftlichkeit im Geschlechterverhältnis in kritischer Absicht zu hinterfragen und perspektivisch ökonomisch, politisch und ökologisch an die Versorgungsarbeit und an sozial weibliche Fähigkeiten anzuknüpfen.” (Hofmeister/Spitzner S. 23)

Von der Erkenntnis ausgehend, daß Zukunftsoffenheit auch bedeutet, künftige Natur- wie soziale Zeiten nicht durch gegenwärtiges wirtschaftliches und politisches Handeln zu verzehren (Hofmeister/Spitzner S.14), macht die Zeitdiskussion, die ja zum Millennium so beliebt ist, durchaus wieder Sinn. Ernst genommen kann sie einen fundamentalen Beitrag leisten “im Sinne einer Daseinssicherung für unseren kleinen blauen Planeten, der nicht zu einem großen grauen Parkplatz werden darf.” (Oblong zit. auf S. 7)


A. E.

Zeitlandschaften. Perspektiven öko-sozialer Zeitpolitik.  Hrsg. v. Sabine Hofmeister ... Stuttgart (u.a.): Hirzel, 1999. 328 S. (Edition Universitas) DM 58,- / sFr 52,50 / öS 423,-