Weder Demokratiekritik noch bemüht unzeitgeistige Ketzerei, sondern die Dechiffrierung des Wesens der Demokratie ist Paolo Flores d’Arcais' Anliegen. Die vorliegenden Texte des Herausgebers der italienischen politischen Zeitschrift Micro-Mega sind als jeweils geschlossene Abhandlungen lesbar, bilden jedoch - verbunden durch die Thematisierung des Verhältnisses von Demokratie und Individuum - gleichermaßen eine Einheit. Demokratie, so erfahren wir, sei - in bewußter Distanz zu neoutilitaristischen Bemühungen - nicht im eigentlichen Sinne begründbar, beruhe letztlich auf freier Wahl, sei gerade deshalb nur durch die ständig präsente Kritik am Bestehenden erreichbar, als Bergspitze in den Augen des Sisiphus gewissermaßen, als Orientierungspunkt, an dem es sich stets neu zu versuchen gilt. Als Subjekt der Demokratie erscheint das autonome Individuum auf der Bildfläche. politische und soziale Rechte des Einzelnen - als des kleinsten, nicht mehr zu hinterfragenden Nenners -, dem Freiheit und Chancengleichheit in einer solidarischen Gemeinschaft zu garantieren sind, dies gilt als Fundament demokratischer Verfaßtheit - noch ausdrücklich vor der Anwendung der Mehrheitsregel. Denn an erster Stelle stehe der Schutz der Minderheit, "bis hin zur extremen, aber besonders wertvollen Minderheit, die das Individuum darstellt". (S. 12) Feminismus und Multikulturalismus, die - als Ideologie der Differenz - doch Gruppenidentitäten definieren und individuelle Differenzen negieren, werden vor diesem Hintergrund problematisiert. Vor den Defiziten stagnierender Demokratien, von der Präsenz politischer Ohnmachtsgefühle bis zur praktizierten Übersetzung ökonomischer Vorteile in politische, gilt es indes zu warnen: Die Sehnsucht nach den großen Vereinfachern und politischen Führern sei letztlich Kompensation für fehlende gesellschaftliche Teilhabe Um Populismus wird der Abschied vom Bürgerrecht manifestiert", S. 42). Auch der Begriff der Legalität erscheint in einem neuen Licht: nicht als rechte Ideologie des law and order, sondern als gesellschaftlich garantierter Schutz im Interesse der Schwachen, dessen konsequente Anwendung freilich auf sich warten läßt. Unterstellt noch der Untertitel ein Pamphlet, so leistet Paolo Flores d’Arcais nicht nur einen Denkanstoß zu linker Demokratietheorie, sondern einen substantiellen Beitrag zur politischen Philosophie. G. S.

Flores d'Arcais, Paolo: Die Linke und das Individuum. Ein politisches Pamphlet. Berlin: Wagen bech, 1997. 110 S.,DM / sFr 15,80/ öS 115,-  1993