Sei es ein Töpferkurs an der Volkshochschule oder das Management eines multinationalen Konzerns: Was sich mit dem Etikett des Kreativen schmückt, gewinnt Sympathien. Denn Kreativität an sich ist "in" und in aller Munde, ungeachtet ihrer jeweiligen Resultate. Der deutsche Soziologe Hans Joas ist freilich weit davon entfernt, sich dem heute gängigen Kreativitätskult anzubiedern, und wer sich von seinem Werk eine unreflektierte Lobhudelei des Kreativen erwartet, wird zum Glück enttäuscht. Joas hat sich ein ganz anderes und viel ehrgeizigeres Ziel gesetzt, nämlich den Entwurf einer neuen soziologischen Handlungstheorie, die kreatives Handeln nicht neben anderen Handlungstypen beschreibt, sondern das· kreative Moment allen menschlichen Handelns freilegt. Deshalb auch der Buchtitel "Die Kreativität des Handelns" und nicht etwa" Theorie des kreativen Handelns" . Die Klassiker der Soziologie gingen dagegen vom Konzept zweckrationalen Handelns aus und definierten andere Handlungstypen bestenfalls als defizitäre Abweichungen davon. Joas fahndet in ihren Werken nach rudimentären Ansätzen zu Modellen nichtzweckrationalen Handelns. Fündig wird er beispielsweise in Max Webers und Emile Durkheims Analysen des religiösen Handelns. Die breiteste theoretische Anknüpfungsbasis liefert ihm jedoch der amerikanische Pragmatismus, über den europäische Intellektuelle sonst eher die Nase zu rümpfen pflegen. Joas beeindruckt mit profunder Literaturkenntnis, die weit über den soziologischen Bereich hinausgeht. Um so schwerer wiegt, daß er die Psychoanalyse nur höchst fragmentarisch rezipiert. Ohne viel Federlesen subsumiert er sie unter die Derivate der Lebensphilosophie, was ihn freilich nicht daran hindert, Winnicott und Schilder, die beide in der Freudschen Theorie verwurzelt sind, aus ihrem Traditionszusammenhang herausgelöst in seinen Diskurs einzubauen. Avancierte psychoanalytische Entwürfe wie etwa Alfred Lorenzers Sozialisationstheorie, die das interaktive Moment betont, ohne die Fundierung im Leiblich-Triebhaften preiszugeben, hätten zum Konzept der Handlungskreativität gewiß einiges beizutragen gehabt. In der Auseinandersetzung mit systemtheoretischen und postmodernen Ansätzen erweist sich das Buch schließlich über seine handlungstheoretischen Ambitionen hinaus als ein großangelegter Versuch zur Rettung des individuellen wie kollektiven Subjekts. Und an dessen kreativer Handlungsfähigkeit gilt es gemeinsam mit Hans Joas festzuhalten, um nicht der Resignation oder dem Zynismus anheimzufallen. R. L.

Joas, Hans: Die Kreativität des Handelns. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1996. 415 S. (stw; 1248), DM 27,80/sFr 23,-/ÖS 216