Baruzzis Blickwinkel, aus dem er die Machbarkeit alternativer Lebensweisen beurteilt, verrät den deutschen Professor für Philosophie (an der Universität Augsburg) und für Politische Theorie (an der Hochschule für Politik in München), der vorgibt, soziale und institutionelle Zwänge sachkundig vom Lehrstuhl herab zu enthüllen. Wenn im Nachtrag sein koreanischer Übersetzer - als Stimme aus der "östlichen" Hemisphäre - Baruzzis Machbarkeitstheorien in dessen Buch "Alternative Lebensformen" hinterfragt, flüchtet sich der Autor in Wirklichkeitsinterpretationen der deutschen Philosophie (bei Hegel und Heidegger) und in die antike klassische „theoria“ Leser. die sich die Muße nehmen, über Heimito von Doderers Ausspruch “Denkensqemäß leben - lebensgemäß denken?" auf ihrer "Suche nach dem Maß" zu meditieren, werden für manche Denkanstöße dankbar sein. Doch dort. wo sich der Autor mit den organisierten Formen alternativen Lebens auseinandersetzt. stützt er sich großteils auf Analysen aus dem Ende der 70er Jahre. Vollends problematisch wird es jedoch, wenn er - im Fahrwasser der Gegner "linker" und "grüner" Strömungen - die Bürgerbewegungen im Abschnitt" Bürger und Terrorist" geschickt in eine Extremistenecke dirigiert. Ein differenziertes Hinterfragen der staatlichen Gewalt und der strukturellen Ursachen für die Konflikte mit ihr bis hin zu Gewalt und Gegengewalt - erscheinen ihm offenbar suspekt oder zumindest sekundär. Praktiker, die Mühe haben, ihre alternativen Lebensentwürfe am Leben zu erhalten, werden daher wahrscheinlich dieses Buch verärgert zur Seite legen, um sich der Praxis zu widmen. M. Rei.

Baruzzi, Arno: Machbarkeit. Perspektiven unseres Lebens. Freiburg (u.a.): Alber, 1996. 269S., DM/sFr 28,-/ÖS 218,50