
Asal Dardan gelingt es mit ihrem autobiographischen und theoretisch versierten Essay „Traumaland“, eine Spurensuche in Erinnerungskultur, Gewaltgeschichte und Traumabewältigung zu wagen, in der sie die augustinische Zeit dieser Schmerzpunkte, die Gegenwart der Vergangenheit, die Gegenwart der Gegenwart und die Gegenwart der Zukunft, nicht etwa deleuzianisch, in einem filmisch pulsierenden und affirmativen Traum(a)-Bild, sondern vielmehr in vielen einzelnen Erinnerungsmomenten aufzeigt und deren Verknüpfungen in die Gegenwart wieder aufleben lässt. Denn „‚Traumazeit läuft in alle Richtungen gleichzeitig.‘ Wir finden uns nicht in ihr wieder, finden uns nicht zurecht. ‚Wir sind gleichzeitig überall in der Zeit‘“ (S. 12).
Vielschichtigkeit und Überlagerung
Dieser Vielschichtigkeit und Überlagerung in jedem Moment der Gegenwart gewahr zu werden, ist ein trügerisches Spiel. Dennoch lassen sich Spuren, Risse, Wunden finden, die ebenjene Kontinuität des Traumas auffindbar, spürbar werden lassen. So stehen die Stolpersteine, an welchen Dardan ihre narrativen Figurationen knüpft, nicht nur für emblematische Gedenkstätten der Erinnerung, sondern auch für eine Kartographie des kontinuierlichen Leids und des Terrors, denen sich Dardan in den Überlagerungen der Zeit an spezifischen Orten, wie zu Hause, in Schöneberg, widmet.
Sprache als Erinnerung, Sprache als Trauma wird hier zur Praxis und zur Theorie, zum distanzierenden Moment der Betrachtung, gleichzeitig zum Mittel der eigenen Verwicklung in die Geschichte, welche Dardan stilistisch hoch literarisch, gleichzeitig theoretisch versiert und mäandernd begegnet. Aber Sprache ist nicht nur Ausdruck der Verwicklung, sie ist auch Mittel der Macht, Propaganda als Mittel der Kontrolle, wenn Dardan schreibt: „Mit Worten und Sätzen werfen Ideologien ihre Seile aus, spannen sich um die Vergangenheit, um sie einzufangen, spannen sich um Zukunft, um sie zu sich zu ziehen und zu beherrschen. Diese Verbindungslinien, die Kontinuitäten, die sichtbar und unsichtbar fortlaufen und wirken, sind schwer zu kappen“ (S. 36). Traumaland wird so zu einem immer wiederkehrenden Moment im Innen wie im Außen, dass sich nicht dialektisch, in der Wiederholung der Geschichte, sondern als nie verschwundene Kontinuität der rassistischen und antisemitischen Gewalt in Deutschland, aber auch anderen Gewalt, Flucht- und Traumageschichten in einzelnen Körpern, an einzelnen Orten, wiederfinden lässt. In dieser Kontinuität werden Namen von Opfern, von Täter:innen nicht zu Einzelfällen, sondern zu Netzwerken andauernder Gewalt, die sich in der Überlagerung von Erinnerung, Verarbeitung, Verdrängung und Schuld nicht kategorial, sondern oszillierend immer wieder neu miteinander verflechten lassen. In diesem Sinne spricht Dardan auch von der Bedeutung einer „Sprache im Präsens“, denn Gewalt und Trauma lebt weiter im gegenwärtigen Deutschland, in der Gegenwart der Sprache und des Erinnerns, im Traumaland. „Sie bildet die Grundlage für ein sortierendes und hierarchisierendes Denken, das nicht aufgehört hat, nach Macht und Kontrolle zu streben“ (ebd). Diese Kontinuität anhand ihrer Risse, ihrer Wunden zu erkennen, macht Dardan sich zur Aufgabe und wählt dabei das Mittel des Verweises: dem Verweis auf erinnernde Menschen, Menschen, an die erinnert wurde, vergessene Menschen, Menschen, deren Leid gesehen und übersehen, Menschen, deren Leid gewollt und geduldet wurde. In Tod und Trauer, Erinnerung und Narration derer, die Exil- und Fluchtgeschichten mit sich tragen, die sich in der Überlagerung der Zeit als Erinnerungsmomente verschiedener Gewaltgeschichten wieder finden lassen. Dardan wählt hier nicht den Vergleich, wählt hier nicht die Moral, den Fingerzeig auf diejenigen, die sich dieser Kontinuität nicht gewiss sein wollen, sie webt uns, die Leser:in, ein in die Geschichten, die sich im Präsens, im Jetzt unserer aller Gegenwart abspielen. Sie verwickelt uns in die Gewissheit ein, dass es viele Narben, viele Wunden und Geschichten, mit vielen Sprachen der Gewalt geben kann, denen wir in uns und mit der Umwelt begegnen. So schreibt Dardan: „Sich innerlich zu distanzieren, sich in ein imaginiertes inneres Exil zu versetzen und Abscheu zu empfinden, ist kein Widerstand, höchstens ein Festhalten an der eigenen Menschlichkeit. Im Zentrum muss aber die Menschlichkeit anderer stehen, die Bewahrung des Menschlichen für alle“ (S. 35).
Ein vielschichtiger Essay
Ein vielschichtiger Essay, der alle betrifft, betroffen macht, ohne Gewalt zu reproduzieren oder in Verzweiflung zu verfallen. Der Mut macht, für ein Wissen um Kontinuität und Sprache, die performativ auch anders verfahren kann.







