Kochs schonungslos desillusionierende Analysen einer anscheinend in einer weltweiten Krise steckender Wirtschafts- und Sozialpolitik steuern gefährlich nahe an eine demobilisierende Entmutigung heran. Im "UN-Jahr zur Beseitigung der Armut" - und ein Jahr nach der Kopenhagener UN-Sozialkonferenz schreitet die Zentralisierung des staatsunabhängigen Weltmarktes, der sich laut Koch in einem "internationalen Kriegszustand" befindet ungehindert voran. Dem entgegengesetzt ist, unter dem Vorwand der "Subsidiarität", die Dezentralisierung der sozialen Aufgaben hinab in Nationalstaaten, Kommunen und schließlich in private karitative Initiativen mit ihren ehrenamtlich tätigen Bürgern. Die wachsenden Löcher im sozialen Netz sollen verstärkt durch private Vorsorge - mit einem boomenden Versicherungszweig (seit kurzem auch gegen Arbeitsplatzverlust) saniert werden. Die Alternative zur gespaltenen Erwerbsgesellschaft - André Gorz' Modell eines Grundeinkommens für alle - hält Koch für eine kaum realisierbare Utopie. Mit Orwellscher Sprachverdrehung, so der Autor, spielen die Budgetsanierer den Sozialstaat gegen den Wohlfahrtstaat aus, nationale Aufwendungen für die Reparatur der ökonomischen, sozialen und ökologischen Folgen einer (Selbst-)Zerstörung verschlängen jene Finanzressourcen, die sowohl für   ein soziales Handeln des einzelnen als auch für zukunftsweisende Interventionen der Nationalstaaten unverzichtbar sind. Das Band der Solidarität - für Koch "eine Lebenslüge westlicher Demokratien, zumal der Europäischen Gemeinschaft" - ist zerrissen. Daraus folgt u. a. eine Verweigerungshaltung und Aggressivität vieler Bürger und die Hilflosigkeit politischer Parteien, der nach des Autors Ansicht nur mit einer" Kulturrevolution" entgegenzusteuern sei. M. Rei.

Koch, Claus: Die Gier des Marktes. Die Ohnmacht des Staates im Kampf der Weltwirtschaft. München (u.a.): Hanser, 1995. 176 S.