Wird es in absehbarer Zukunft ein serienreifes 2-LiterAuto geben? Werden Menschen innerhalb der nächsten 30 Jahre den Mars betreten haben? Wird der Islam zum politisch stärksten Staatenblock der Welt anwachsen? Mehr als 2.000 (von 7.000 eingeladenen) Expertinnen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Technik haben sich darauf eingelassen, einen vom Frauenhofer Institut im Auftrag von Bundesforschungsminister Rüttgers erarbeiteten Katalog mit nicht weniger als 1.076 Fragen (insgesamt zweimal) zu beantworten. Die zweite "Delphi-Studie" (nach 1993) sollte vor allem Auskunft geben über die Erwartungen jener, die durch ihr Tun und Lassen maßgeblich Einfluß auf den Fortgang der (deutschen) Forschung nehmen.

Zudem ging es darum, im internationalen Vergleich ein Stärken- bzw. Schwächenprofil zu entwickeln und Anhaltspunkte für die unternehmerische und auch persönliche Planung vorzulegen. Zum einen hatten die Befragten eine Reihe von vorgegebenen ”Megatrends" zu bewerten: Daß der Bevölkerungsanteil der mehr als 60jährigen in Deutschland bis zum Jahr 2019 auf mehr als ein Drittel ansteigen werde, halten 89 Prozent für zutreffend, immerhin 52 Prozent erwarten bis spätestens 2024 die Etablierung einer europäischen Zentralregierung (Ablehnung: 42 Prozent), hingegen gehen nur 16v. H. davon aus, daß die meisten Menschen um das Jahr 2017 keine Familie mehr gründen werden.

Zum anderen wurden die Fragen insgesamt 12 Themenfeldern zugeordnet, wobei das Spektrum von „Information & Kommunikation", "Dienstleistung & Konsum" über "Umwelt & Natur", "Energie & Rohstoffe",  "Mobilität & Transport" bis hin zu "Raumfahrt" und "Großprojekte" reicht. Aus der Fülle der Ergebnisse seien im folgenden einige exemplarisch genannt: Multimedia-Systeme werden sich bis zum Jahr 2007 als ”Alltagstechnik" durchsetzen, Breitbandverkabelung aller Haushalte wird in den Ballungsräumen bis längstens 2009 das ”next Generation Internet" ermöglichen.

Etwa um 2010 werden Arbeitnehmer durchschnittlich 2 Arbeitstage pro Woche zuhause verbringen und so dazu beitragen, daß der berufsbedingte Verkehr gegenüber heute um 20 Prozent abnimmt. Erst um das Jahr 2020 wird - so die Experten - der Anteil der erneuerbaren Energie auf 10 Prozent (von gegenwärtig 0,5 (!) ) ansteigen, doch werde es im gleichen Zeitraum gelingen, den großindustriellen Energiebedarf durch neue Produktionsverfahren und Werkstoffe um ca. 30 Prozent zu senken.

Megastädte mit Gebäuden von bis zu 3.000 Metern Höhe, in denen etwa 50.000 Menschen wohnen und arbeiten, verweisen die Befragten hingegen ebenso in den Bereich der Utopie wie das jährliche Mobilitätskonto (mit Bonussystem für den Verzicht auf den privaten Pkw) oder die "elektronische Demokratie". Satelliten-unterstützte Verkehrskontrollen sollen andererseits bis 2008 und ein globales Umweltmanagement bis etwa 2024 Realität sein. Den breiten Einsatz transgener Pflanzen "mit verbessertem Spektrum der Inhaltsstoffe" (S. 24) im Bereich der Futter- und Nahrungsmittel erwarten die Experten bis spätestens 2011.

Nicht zuletzt werden auch im Bereich "Arbeit & Beschäftigung" gravierende Veränderungen vorhergesagt: Rund 40 Prozent aller Beschäftigten werden schon im ersten Jahrzehnt des nächsten Jahrtausends befristete Arbeits- und Werksverträge in Händen halten, bis zum Jahr 2014 werden Löhne zu je 50 Prozent zeit- bzw. ergebnisorientiert berechnet. Zwar werden - vor allem im Dienstleistungsbereich zahlreiche neue Berufe erwartet - der "Laufbursche" ermöglicht es, "daheim wie im Hotel" zu leben - doch fehlen Aussagen über die weitere Entwicklung der Arbeitslosenzahlen. Auch der internationale Vergleich mit den Forschungsaktivitäten der USA, Japans und anderen Ländern der EU ist erhellend: An der Spitze wird Deutschland in den Bereichen "Umwelt & Natur", sowie "Energie & Rohstoffe" gesehen, im Bereich "Kommunikation & Information" liegt man hinter den USA und Japan zurück, und schwach wird die Position im Bereich der Gesundheits- und Lebensprozeßforschung beurteilt.

Der angestrebte "Spagat zwischen Übersicht und Detail" (S. 7) ist zumindest was den hier vorgestellten Ergebnisband betrifft nur zum Teil gelungen. Trotz vieler interessanter Einzelinformationen - sie machen den Band allemal lesenswert - vermißt man den im Titel angesprochenen "globalen Zusammenhang". Daß die Zukunft von Wissenschaft und Technik zudem eine Vielzahl sozialer Fragen aufwirft, die hier auch nicht am Rande angesprochen werden - etwa die Rolle der Frau, die weitere Entwicklung der Arbeitslosigkeit oder die Bedeutung "alternativer" Lebensstile - bleibt kritisch anzumerken.

WSp. 

Delphi '98 - Umfrage. Studie zur globalen Entwicklung von Wissenschaft und Technik. Zusammenfassung der Ergebnisse. Projektkoordination: Kerstin Cuhls; Hrsg. v. Frauenhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI); Karlsruhe. 1998, 109 S. DM 55,- / sFr 50,- / öS 402,-