Die Zukunft hat Geschichte, die zu rekonstrukturieren sich der Historiker Lucian Hölscher zur Aufgabe gemacht hat. Dabei geht es nicht nur um die konkreten Zukunftsvorstellungen (als einheitlicher Erwartungszeitraum) vergangener Gesellschaften, sondern in erster Linie um das historische Konzept der “Zukunft” selbst, “um die ideelle Form, in der die Zukunft zu verschiedenen Zeiten entworfen wurde, sowie um den Wandel dieses geschichtlichen Zeitbegriffs” (S. 10).

Zunächst werden die Zukunftsvorstellungen mittelalterlicher Gesellschaften knapp vorgestellt. Damals, so Hölscher, waren Möglichkeiten selbstbestimmter Zukunftsgestaltung aufgrund der göttlichen Vorausbestimmung erheblich eingeschränkt. Die im Anschluß daran vorgestellten Konzepte aus den letzten drei Jahrhunderten berücksichtigen hauptsächlich prominente und gesellschaftspolitisch einflußreiche Entwürfe, um den Wandel des neuzeitlichen Zukunftskonzepts zu veranschaulichen. Ausgehend von größeren Epocheabschnitten beschreibt der Autor die Periode der Entdeckung (1770-1830), begleitet von der Philosophie Kants und nationalstaatlichen Zukunftsmythen, die Periode des Aufbruchs (1830-1890) u. a. mit der Debatte um den sozialistischen Zukunftsstaat und die Periode des futurologischen Höhenflugs (1890-1950) mit einer Vielzahl gesellschaftlicher Zukunftsentwürfe und literarischer Zeitutopien (z.B. Bellamys Weltbestseller “Looking backward, 2000-1887”) sowie die Periode des Niedergangs seit 1950. Erst um 1960 wurde laut Hölscher die Schwelle zu einer qualitativ neuen Beschäftigung mit der Zukunft überschritten: Nach vielen gescheiterten gesellschaftlichen Utopien und einer wachsenden Kritik am technischen Fortschritt sei zunehmend auch eine pessimistische Sichtweise zu beobachten. “Überall wurden langfristige Kosten des technischen und sozialen Fortschritts sichtbar, die in ihrer Summe die bisherige Grundvoraussetzung des technischen Fortschritts nachhaltig in Frage stellten ...” (S. 221). Nicht nur das, Hölscher fragt sich mit Blick auf die Zukunft, ob diese als Raum für politische und kulturelle Ziele der Menschheit überhaupt noch verfügbar ist, sei doch abzusehen, “daß sich die Bereiche, in denen die gestalterische Freiheit menschlichen Fortschritts massiven Einschränkungen unterliegt, auch in Zukunft weiter ausdehen werden” (S. 227). Spätestens dann, wenn sich Lebewesen durch gentechnische Eingriffe verändern und nicht mehr der Zufälligkeit eines einmaligen und einzigartigen Schicksals ausgesetzt sind, “sondern nur noch präparierte Karrieren durchlaufen, verliert die Rede von ihrer Zukunft offenbar ihren bisherigen Sinn” (S. 229).

A. A.

Hölscher, Lucian: Die Entdeckung der Zukunft. Frankfurt/M.: Fischer, 1999. 262 S. (Europäische Geschichte) DM 24,90 / sFr 23,- / öS 181,-