Über 50 Jahre habe Deutschland seine Zuwanderungsgeschichte ignoriert, so die die provokante, aber gut begründete These des Autors. Höchste Zeit dies zu ändern: „Aufstieg muss wieder zum politischen Programm und zum politischen Versprechen werden“, postuliert Armin Laschet und stellt damit ein gleichermaßen ambitioniertes wie stimmiges Konzept für Deutschland zur Diskussion. Seine fundierte und letztlich alternativlose Perspektive ist der „Weg zurück zur Aufsteigerrepublik“.

 

Laschet weiß wie kein anderer, wovon er spricht: 1961 als Sohn eines Bergmanns, der sich bis zum Schulleiter hocharbeitete, in Aachen geboren, ist er seit 2005 „Integrationsminister“ in Nordrhein-Westfalen und als solcher der – soweit ich sehe – politisch unumstrittene Promotor einer Gesellschaft, die Integration als Ermöglichung gesellschaftlicher Teilhabe verstanden und daran alle beteiligt sehen will: „Die Aufsteigerrepublik“ sieht Laschet als veränderungswillige Gesellschaft, die „die Aufforderung an jeden Einzelnen: ‚Mach was aus dir und deinem Leben, streng dich an!’ und die Forderung an die Gesellschaft: ‚Sei transparent, schaffe Möglichkeiten und Unterstützung, fördere und vermittle dadurch Hoffnung’“ (S. 37f.) zusammenführt.

 

Um der diagnostizierten „Erstattung der Gesellschaft“ – die Folgekosten unzureichender Integration betragen in Deutschland rund 16 Mrd. Euro pro Jahr (S. 31) – entgegenzuwirken, verweist Laschet auf die historische Entwicklung der Bundesrepublik, die schon zwei Mal zu „einem neuen Wir“ gefunden habe: Ohne den Zuzug tausender Arbeitskräfte zuerst aus Osteuropa, später aus der Türkei und Südeuropa sei das „Wirtschaftswunder Deutschland“ nach 1945 nicht zu denken; mit der Wiedervereinigung 1989 aber hätten „wir Deutschen - unbeabsichtigt oder willentlich – den Menschen mit Zuwanderungsgeschichte den Rücken gekehrt“ (S. 82), so, knapp zusammengefasst, Laschets Blick auf die Erfolgs- und die Schattenseiten der Migrationsgeschichte in Deutschland seit 60 Jahren. Zeit also für einen dritten Anlauf!

 

Natürlich seien nicht alle (ob mit oder ohne Zuwanderunsgeschichte) dazu berufen, leitende Funktionen in der Gesellschaft zu übernehmen, aber für alle – so ist nicht nur der Autor überzeugt – „soll Aufstieg zukünftig schmerzfreier sein“, und das „erfordert das Mitmachen aller“ (S. 92).

 

 

 

Fördern und fordern

 

Es sei ein „Gebot politischer, gesellschaftlicher und ökonomischer Klugheit, radikal umzusteuern und das Geld in Köpfe zu stecken, anzufangen mit den kleinsten Köpfen. Jetzt Bildung zu fördern, bringt auf lange Sicht sogar Zinsen: mehr Steuern, weniger Transferleistungen“ (S. 104). Dreh- und Angelpunkt eines Bildungsprogramms, das sich die Umsetzung von Chancengerechtigkeit zum Ziel setzt, ist nach Laschet die frühzeitige Feststellung und Förderung deutscher Sprachkompetenz. Diese ist in NRW für 4-Jährige übrigens seit Kurzem verpflichtend – und zeitigt Handlungsbedarf, denn bei nicht weniger als 20 Prozent der Kinder – nicht nur mit Migrationshintergrund – gibt es Anlass zu gezielter Förderung. Weitere von Laschet vorgeschlagene Maßnahmen: der massive Ausbau der (Ganztags)Schule zu einem „Lebensraum“, der Lernen, Sport und kulturelle Aktivitäten anbietet (bis 2010 stellt NRW allein für Maßnahmen im Primär- und Sekundarbereich zusätzlich 175 Millionen Euro zur Verfügung); Bewusstseinsbildung bei Eltern mit Migrationshintergrund; Einführung eines freiwilligen „Bildungsjahrs“; Förderung der „Durchlässigkeit“ von Schulen, Fachhochschulen und Universitäten; Einführung staatlich geförderter „Bildungskonten“ und nicht zuletzt die „Pflicht zur Aufstiegsprüfung“, die zur Wahrnehmung von Karrierechancen beitragen soll (vgl. S. 235ff). Von der Verpflichtung zu „nachholender Integration“ sollten, so Laschet, nur ältere Mitbürger mit Zuwanderungsgeschichte ausgenommen werden. Die Anerkennung von  im Ausland erworbenen Qualifikationen, die Erleichterung des Zuzugs für AusländerInnen sowie die Förderung von kultureller wie religiöser Identität (bei Anerkennung der Verfassung) sieht der CDU-Politiker ohne Wenn und Aber als Merkmale einer „Aufsteigerrepublik“ an, die Vielfalt als Chance, und nicht als Risiko begreift. Nicht zuletzt mit dem Hinweis darauf, dass die Zahl der Asylbewerber in Deutschland von 1992 (mehr als 438.000) bis 2008 (knapp über 22.000) auf etwa ein Zwanzigstel zurückgegangen ist (S. 242), macht er deutlich, dass – nicht nur in Deutschland – die Integration von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Anbetracht der demographischen, sozialen und ökonomischen Herausforderungen unabdingbar ist. Welches Potenzial sich dadurch für alle eröffnet, verdeutlichen nicht zuletzt die Gespräche und ‚Hintergrundgeschichten’ mit denen der Autor seine an Daten, Fakten und stimmigen Argumenten reiche Darstellung durch Authentizität anzureichern und glaubhaft zu vermitteln weiß.

 

Armin Laschet hat ein von persönlicher Überzeugung und Menschlichkeit getragenes, fundiertes und zugleich visionäres Buch vorgelegt, das Deutschland den Weg zu einer Gesellschaft der Toleranz und Chancengerechtigkeit weist. Über die Grenzen seines Landes hinaus sind ihm zahlreiche LeserInnen und zu wünschen. W. Sp.

 

Laschet, Armin: Die Aufsteigerrepublik. Zuwanderung als Chance. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2009. S. 291., € 19,95[D], 20,60 [A], sFr 33,90

 

ISBN 978-3-462-04107-7