In einer Reihe von Veröffentlichungen beschäftigt sich der VS-Verlag für Sozialwissenschaften (www.vs-verlag.de) mit den Themen Migration und Partizipation von Jugendlichen. Es ist zweifellos keine neue bzw. originelle Erkenntnis, dass die politische und soziale Teilhabe jugendlicher MigrantInnen von vielen unterschiedlichen Faktoren abhängt. Aber – und das zeichnet den vorliegenden Sammelband aus – dieser Befund wird hier differenziert belegt und erläutert. Ein expliziter Praxisbezug wird immer dann hergestellt, wenn etwa auf migrationsbezogene Bildungskonzepte in der Schweiz hingewiesen, der Vergleich von Bildungslaufbahnen von Jugendlichen in transnationalen Räumen in und außerhalb Europas in den Blick genommen oder eine Altersfeststellung bei jugendlichen Flüchtlingen vorgenommen werden muss, die ohne bzw. mit gefälschten Papieren in die BRD einreisen (vgl. S. 68ff.).

 

Abhängig von Geschichte und Selbstverständnis einer Gesellschaft ist „Integration von Jugendlichen (…) ein voraussetzungsreiches Unterfangen, das für sein Gelingen soziale Partizipation als Praxis und Resultat zur Voraussetzung hat“ (S. 8). Dabei sind nach Ansicht der Herausgeber mindestens zwei Aspekte  zu betrachten: nämlich die soziale Positionierung als Minderheitenangehörige (soziale Integration) sowie das „Aufwachsen“ in einer Gesellschaft (individuelle Integration). Jugendliche vollziehen in ihrem „Hineinentwickeln“ in die Gesellschaft zweifellos einen komplexen und auf vielfältigen sozialen und institutionellen Interaktionsbeziehungen beruhenden Prozess, „durch den sich die Möglichkeit der Partizipation als zunehmende Einbindung und Wirksamkeit in der Gesellschaft realisiert“ (S. 9). In den Beiträgen steht deshalb die Frage im Mittelpunkt, inwieweit soziale Differenzen und Zuschreibungen zu Formen der Benachteiligung führen und wie Jugendliche vor dem Hintergrund politischer und sozialer Grenzen die sozial-kulturelle Partizipation für sich subjektiv gelingend realisieren.

 

Im ersten Teil beschäftigen sich die AutorInnen mit „Konstruktionsprozessen von Jugend“. Der Sozial- und Politikwissenschaftler Thomas Geisen gibt im Zusammenhang von sozialen Grenzen und Adoleszenz zu bedenken, dass die Hinwendung zur Gesellschaft für jugendliche MigrantInnen insofern prekär ist, als sie dem Primat der Mehrheitsgesellschaft gegenüberstehen, die sie auf vielfache Weise zu AußenseiterInnen macht. „Hierdurch wird der Verlauf der Adoles-zenz beeinflusst, nicht zuletzt entsteht hier ein Bewusstsein darüber, dass die Gesellschaft für die MigrantInnen kein ‚sicherer Ort’ ist“, so dass diese ihre Zugehörigkeit als bedroht ansehen (S. 39). Katja Schikorra (Diplomsoziologin) und Rainer Becker (Philosoph) versuchen in ihrem Beitrag „Drin bist du noch lange nicht …“ mit Hilfe des Konzepts der „Biopolitik“ den administrativ-medizinischen Prozess zu analysieren, der bei einer Altersfeststellung von jungen Flüchtlingen vorgenommen wird. Es zeigt sich, dass die behördliche Festsetzung des Alters nicht nur „ein Bestandteil der aktuellen deutschen Flüchtlingspolitik“ ist, sondern dass die „Konstruktion der Phänomene Alter, Kindheit und Jugend“ als Ein- bzw. Ausschlussmechanismus verwendet wird, die die Lebensrealität sowie die Handlungsmöglichkeiten und Entwicklungsperspektiven von Jugendlichen prägen (S. 82).

 

Im zweiten Teil liegt der Focus auf „Ausgrenzung und Integration“: In Erzählungen junger Menschen über ihre ersten persönlichen Rassismuserfahrungen zeigt sich, dass diese einen strukturellen, u. a. über die Medien vermittelten Sachverhalt darstellen. Für Barbara Schramkowski (promovierte Migrationsforscherin) stellt Rassismus auch ein Hindernis für eine soziale und gesellschaftliche Integration dar, weil jugendliche MigrantInnen ihre als erfolgreich geltende soziale Einbindung vielfach als vorläufig oder bedroht ansehen. Die Diplompädagogin Karin E. Sauer zeigt in ihrem Beitrag „Integrationsprozesse von Kindern in multikulturellen Gesellschaften“, wie abhängig die Integration von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ist. Soziale Differenzen gehören für sie zu den entscheidenden Faktoren, die pädagogischen wie politischen Handlungsbedarf anzeigen.

 

Die Aufsätze des dritten Abschnitts beschäftigen sich mit Fragen von „Bildung und Mobilität“. Generell wird in modernen Gesellschaften ein enger Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und Partizipationschancen konstatiert. Am Beispiel einer (vorwiegend) ausgrenzenden Praxis in Deutschland und einer partizipativen Praxis in Großbritannien wird die Bedeutung des rechtlichen Status von MigrantInnen für die künftige Realisierung von Bildung- bzw. Ausbildungsbestrebungen erläutert. Die Erziehungswissenschaftlerinnen Sara Fürstenau und Heike Niedrig beschäftigen sich mit Bildungslaufbahnen und Zukunftsorientierungen von Jugendlichen im Kontext transnationaler Migration. Bezug nehmend auf zwei Studien, in denen der „Marktwert von mitgebrachtem und unter Migrationsbedingungen erworbenem kulturellen Kapital“ minderjähriger Flüchtlinge aus Afrika thematisiert wurde, zeigen sich durchaus Perspektiven. So wird etwa festgestellt, dass „großzügige und positive Regelungen wie die europäische Freizügigkeit für EU-Bürger eine produktive Nutzung kultureller und sozialer Ressourcen für transnationale Laufbahnen ermöglichen“ (S. 257).

 

Im thematisch weit gespannten Bogen der Beiträge wird deutlich, dass die Möglichkeiten für Jugendliche mit Migrationshintergrund, sich gesellschaftlich zu engagieren und einzubringen, begrenzt sind. Als groß wird hingegen der Einfluss „dominanter kulturalisierender und problematisierender Diskurse (angesehen), in denen sich vielfach rassistische Prozesse der Ausgrenzung und Abwertung realisieren“ (vgl. S. 23). Darüber hinaus verfügen jugendliche MigrantInnen meist nicht über die gleichen sozioökonomischen Voraussetzungen zur Partizipation wie  Einheimische.  A. A.

 

Jugend, Partizipation und Migration. Orientierungen im Kontext von Integration und Ausgrenzung. Hrsg. v. Thomas Geisen ... Wiesbaden: VS-Verl., 2007. 348 S., € 39,90 [D], 41,10 [A], sFr 67,80,

 

ISBN 978-3-531-15252-3