Die Beantwortung der Frage nach Formen, Möglichkeiten und Notwendigkeiten für soziale und gesellschaftliche Integration wird in zunehmend pluralistischen Gesellschaften dringlicher denn je. Gegenwärtig, so der Sozialwissenschaftler Wolfgang Vortkamp, werde die Aufgabe gesellschaftlicher Integration nicht mehr dem Sozialstaat, sondern der so genannten „Zivilgesellschaft“ überantwortet. Diese gilt inzwischen als voraussetzungsreichste Form demokratischer Gesell- schaftsorganisation, die auch ein hohes Maß an bürgerschaftlicher Kompetenz und Integration erfordert.

 

Die Erwartungen an Vereine und NPOs hinsichtlich ihrer integrativen zivilgesellschaftlichen Funktionen können aber aufgrund der Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung (zu Vereinen in Ostdeutschland) nur bedingt erfüllt werden. Denn in erster Linie schaffen diese Organisationsformen „soziale Begegnungsräume und bilden oder reproduzieren Kulturen und Milieus“ (S. 237).

 

Bezüglich Integration und Vertrauensbildung sind die zivilgesellschaftlichen Leistungen dann aber durchaus differenziert zu betrachten. Die bloße Mitgliedschaft allein, so ein Ergebnis der Studie, liefert noch keinen Hinweis auf einen höheren Integrationsgrad. Das heißt, dass offensichtlich die zivilgesellschaftlichen Leistungen mit unterschiedlichen Funktionen einher gehen und „sowohl von deren gesellschaftlich-ideologischer Platzierung ab(hängen) als auch von dem Maß aktiver Teilhabe, das sie den Mitgliedern bieten“ (S. 238). Die exemplarische Erhebung bei Vereinen in Dessau  zeigt, dass integrative und vertrauensbildende Effekte hauptsächlich im Zusammenhang mit aktiver Teilhabe an spezifischen, begrenzten Sozialisationsmustern (Sport, Kultur) zu sehen sind. Vereine leisten jedoch nicht die Aufgabe einer Generalisierung von Vertrauen in allgemeine gesellschaftliche Institutionen. Diese hängt vielmehr von der Zustimmung zum Gesellschaftssystem und auch von der Parteipräferenz ab.

 

Vereine sind bisher aber fast ausschließlich im Bereich Freizeit, Kultur und Soziales aktiv. Um regulierend in gesellschaftliche Prozesse eingreifen zu können, „also Markt und Staat aus einer interessierten Öffentlichkeit heraus zu steuern“ – so ein zentrales Ergebnis der Erhebung –, sind Institutionen nötig, die politische und wirtschaftliche Teilhabe ermöglichen. „Das Engagement im sozial-kulturellen Freizeitbereich taugt aber vor allem zur sozialen und kulturellen Integration und kann im Fall von religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten eine Abgrenzungsidentität befördern und gesellschaftliche Desintegration zur Folge haben.“ (S. 243)

 

Der Autor kommt zum Schluss, dass „abweichende Meinungen, differierende Lebensverhältnisse, unterschiedliche Kulturen und kontroverse Auffassungen nicht mehr qua Zustimmung“ integriert werden, sondern einen „diskursiven Prozesse aktiver Teilhabe und Konsensbildung“ erfordern. (vgl. S. 243) A. A.

 

Vortkamp, Wolfgang: Integration durch Teilhabe. Das zivilgesellschaftliche Potenzial von Vereinen. Frankfurt/M. (u. a.): Campus, 2008. 258 S., € 32,90 [D], 33,90 [A], sFr 56,-

 

ISBN 978-3-593-38496-2