Bisher haben etwa 200 Menschen die Erde tatsächlich als blauen Planeten erlebt und ihn in einer ganzheitlichen Perspektive erfahren, von der wir Erdgebundenen zwar wissen, die wir jedoch kaum begreifen und nach der wir erst beginnen, unsere Handlungen auszurichten. Stehen für gewöhnlich technische Interessen im Mittelpunkt, wenn über Sinn und Zweck der Raumfahrt diskutiert wird, so sind es in erster Linie psychologische und evolutionsgeschichtliche Fragen, die hier erörtert werden. Gestützt auf zahlreiche persönliche Gespräche und weitere authentische Berichte zeigt White, wie Astro- und Kosmonauten durch eine Außensicht der Erde auch in ihrem Inneren verändert wurden: Wo uns heute ideologische und politische Grenzen noch bedeutsam, die Sicherung persönlichen oder kollektiven Vorteils als erstrebenswert erscheinen, berichten die Weltraumfahrer, wie es durch den Overview Effekt zu einer grundlegenden Änderung von Bewußtsein und Wertvorstellungen kommt. Grenzenloses Gemeinschaftsgefühl und die persönliche Erfahrung der fragilen Schönheit des Planeten sind zentrale Erlebnisse, durch die wie von selbst die Ökologie eine zentrale Rolle einnimmt. Die Raumfahrt bietet die Möglichkeit, die Erde als komplexes ganzheitliches System zu erfahren und auch unsere Holle darin neu zu definieren, denn trotz kopernikanischer Wende sehen wir uns nach wie vor zu sehr als Mittelpunkt der Welt (und des Universums). Andererseits könnte und wird - nach Überzeugung des Autors wird - durch die Technik von heute bereits der Grundstein für eine planetarische Zivilisation gelegt, die schon in absehbarer Zeit bis zum Mars und in ferner Zukunft auch über unser Sonnensystem hinausreichen könnte. Um dieses hohe Ziel zu verwirklichen, fordert White ein neues (inter)nationales Raumfahrtprogramm, das u.a. die Bedeutung der Weltraumforschung für die Erweiterung des menschlichen Bewußtseins anerkennen, neben den Natur- v. a. auch die Gesellschafts- und Geisteswissenschaften fördern, und von der militärischen Planung strikt getrennt werden sollte. Es fällt schwer, sich der suggestiven Kraft der Visionen des Autors zu entziehen; der Weg zu den Sternen, auf den uns ein durch die Geschichte berufener Entdeckergeist führen möchte, scheint viele Versprechungen bereitzuhalten. Und dennoch stellt sich die Frage, ob wir uns in Anbetracht der tatsächlich naheliegenden Nöte und globalen Probleme nicht darauf beschränken sollten, unseren Heimatplaneten in Ordnung zu bringen und für alle einzurichten. Hochfliegende Phantasien mögen 'zwar technisch machbar sein, notwendig jedoch sind sie nicht, und es-ist mehr als zweifelhaft, daß wir angesichts der ungeheuren Dynamik des technischen Fortschritts auch rechtzeitig lernen könnten, dessen Mittel so zu verwalten, wie es einer tatsächlich friedfertigen neuen Zivilisation entsprechen müßte.

White, Frank: Der Overview Effekt. Die erste interdisziplinäre Auswertung von 20 Jahren Weltraumfahrt. Bern (u.a.): Scherz, 1989. 351 S.,