
80 Prozent und mehr stimmen seit vielen Jahren der Aussage zu, dass die Klimakrise ernst zu nehmen ist. Etwas geringer sind die Zustimmungsraten, wenn konkrete Verhaltensänderungen abgefragt werden, etwa weniger zu fliegen und Auto zu fahren, weniger Fleisch zu essen, ein Verbot des Verbrennungsmotors umzusetzen. In den letzten Jahren mehren sich auch die Stimmen, die die geplanten Klimamaßnahmen als übertrieben ansehen oder gar die Klimakrise selbst in Zweifel ziehen – angefeuert von rechten Parteien wie der AfD in Deutschland.
Die Erklärungen für dieses Rollback fallen unterschiedlich aus: Die Kluft zwischen Wissen und Handeln sei schon immer groß gewesen, bei Umfragen würden oft erwünschte Antworten gegeben, solange diese keine unmittelbaren Konsequenzen für einen selbst haben, die Polarisierung der Gesellschaften durch Blasen in den Sozialen Medien und dem neuen Rechtspopulismus greife auch auf Umweltthemen über, schließlich erzeuge die Transformation in der Tat Gewinner:innen und Verlierer:innen. Es gibt auch die Sichtweise, dass die Polarisierung von Meinungsmacher:innen und Medien herbeigeredet werde, es in Wirklichkeit mehr Konsens auch im Zusammenhang mit der Klimakrise gäbe.
Ein Autor:innenteam um Dennis Eversberg, Professor für Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, würdigt diese unterschiedlichen Ansätze, findet sie aber nicht hinreichend. In einem Forschungsprojekt, in dem empirische und qualitative Umfragen durchgeführt wurden, kommen sie zu vielschichtigeren Ergebnissen. Ausgehend vom Konzept der „Mentalitäten“ werden differenzierte Motivbündel für Klimaschutz und die neuen Gegenströmungen ausgemacht. Mentalitäten lassen sich in dieser Lesart nicht allein aus strukturellen, sozioökonomischen Unterschieden oder Machtverhältnissen erklären, sondern entstehen, „wenn Menschen ihre geteilten Erfahrungen an ähnlichen Orten der Sozialstruktur durch die Ausbildung ebenso geteilter, Gemeinsamkeit stiftender Wahrnehmungs- und Empfindungsmuster verarbeiten und sich darüber nicht nur zunehmend mit Menschen in ähnlichen Lagen identifizieren, sondern auch von anderen, mit gegensätzlichen sozialen Erfahrungen verbundenen Mentalitäten abgrenzen“ (S. 17).
Ausgemacht werden zehn Typen von sozialökologischen Mentalitäten, die in der Studie drei unterschiedlichen Spektren zu geordnet werden: Ein ökosoziales Spektrum plädiert für rasche und durchgreifende Transformation und argumentiert dabei nicht nur ökologisch und oft wachstumskritisch, sondern befürwortet auch soziale Ausgleichsmechanismen. Ein konservativ-steigerungsorientiertes Spektrum priorisiert den Erhalt der eigenen Lebensweise gegenüber der verbal bekannten Bereitschaft zur Veränderung. Ein defensiv-reaktives Spektrum schließlich beweg sich zwischen Resignation und Rückzug angesichts von als überfordernd erlebten Umbrüche und Krisen und wütender Abwehr gegen „grüne“ und transformative Initiativen. (Zusammenfassend S. 19, ausführlich S. 87ff.) Der kapitalistische Expansions- und Beschleunigungszwang wird dabei als Stressfaktor ausgemacht, der zur psychischen und physischen Überforderung von Menschen führe. Die zehn Mentalitätstypen werden in einem Raum mit den Koordinaten „Sozialer Status“ und „Statusgrundlage Bildung vs. Besitz“ verortet. So greife der „liberale Wachstumsoptimismus“ vor allem bei jenen, die einen hohen sozialen Status haben und diesen mit Besitz verbinden. „Ökosoziale Aktivbürgerlichkeit“ wiederum sei bei jenen zu finden, die hohe Bildung und guten sozialen Status aufweisen. Menschen mit geringem sozialem Status, die diesen jedoch mit Besitz verbinden, werden hingegen dem Typ „Regressive Veränderungsaversion“ bzw. „Zurückgezogene Notwendigkeit“ zugeordnet (Übersicht S. 157). Dass geringer Besitz und sozialer Status nicht zum Aufbegehren gegen ungerechte ökonomische Verhältnisse führen, wird mit dem „Abstraktionskonflikt“ (S. 165) erklärt, womit eine generelle Entfremdung gegenüber gesellschaftlichen Institutionen und Prozessen ausgedrückt wird. Der „Lebensweisekonflikt“ (S. 167) wiederum wird mit dem Interessensgegensatz zwischen Öffentlichem und Privatem (Besitz) erklärt. Die dritte Konfliktdimension, der „Veränderungskonflikt“ (S. 168) verlaufe schließlich zwischen Bildungsaffinen und dem defensiv-reaktiven bzw. konservativ-steigerungsorientierten Spektrum. Für die Politik bedeute diese komplexe Konfliktkonstellation, so eine Schlussfolgerung, dass die divergierenden Motivlagen für Widerstände gegen Veränderungen bzw. Vorstellungen darüber, wie diese anzugehen seien, reflektiert werden müssen. Als Maßnahmenbündel werden genannt: Infrastrukturpolitik, Umverteilung, Setzen auf Suffizienz, Internalisierung von Lasten sowie demokratische Partizipation.
Die Studienergebnisse erlauben ein differenziertes Bild auf Chancen und Hürden für eine sozialökologische Transformation. Das Buch, eher an ein Fachpublikum gerichtet, bereichert den soziologischen Diskurs.








