
Der Mensch hat heute zwar viel Macht und Zugriff auf Unmengen von Informationen, aber dennoch steht er vor einer selbstverschuldeten, existenziellen Krise. Das viele Wissen hat ihn nicht weise gemacht. Trotz wissenschaftlicher Errungenschaften scheinen wir immer noch genauso anfällig für Erzählungen wie in der Steinzeit, insbesondere einfache Erzählungen, die uns täuschen. Von dieser Feststellung ausgehend legt Harari eine „kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz“ dar. Es geht ihm darum, aufzuzeigen, dass nicht in erster Linie die Schwäche und Charakterzüge eines einzelnen Menschen verantwortlich sind für den Missbrauch von Macht. Der Grund für Macht und deren Missbrauch liegt in der Konstruktionsweise von Informationsnetzwerken und dem Zusammenwirken vieler Menschen. Daher geht es im ersten Teil um menschliche Netzwerke, die Bedeutung von Information und die Macht von Erzählungen.
Mit dem Aufkommen der Computer beginnt ein neuartiges Netzwerk das Streben menschlicher Gesellschaften nach Wahrheit und Ordnung zu prägen. Der zweite Teil befasst sich mit diesem anorganischen Netzwerk. Harari schildert Fälle, in denen nicht-menschliche Intelligenz bereits Entscheidungen getroffen hat, die historische Ereignisse beeinflusst haben. Interessant ist auch der direkte Einfluss auf Menschen, wenn es einer KI gelingt, eine intime Beziehung vorzutäuschen, und sie dies dann nutzt, um für bestimmte Produkte, Politiker:innen oder radikale Überzeugungen zu werben.
Harari warnt uns und widerspricht der verbreiteten Meinung, dass hinter jedem Algorithmus immer noch Programmierer:innen sitzen, die die Kontrolle über dessen Verhalten haben. Das ist nicht der Fall, Algorithmen können von sich aus Dinge lernen und entscheiden, was keiner vorhersehen kann. Sie sind nicht nur ein neues Werkzeug, sondern sie sind selbst Akteure mit erheblichem Potenzial, an der Geschichte der Menschen mitzuwirken.
Um die Kontrolle über die Zukunft zu behalten, müssen wir verstehen, dass Computer politisches Potenzial haben. Ein grundlegendes Verständnis dieser Computerpolitik sei wichtig für jede:n Bürger:in, um die Bedrohungen und Versprechen des neuen Netzwerks zu durchschauen. Im dritten Teil entwirft der Autor Möglichkeiten, welche Wege Demokratien und Diktaturen, aber auch das globale System mit der Computerpolitik gehen könnten. Wichtiges Thema ist die Überwachung. Eine Bedrohung sieht Harari nicht darin, dass Computer menschenähnlich werden könnten, sondern dass sie völlig undurchschaubar werden und wir nicht mehr nachvollziehen können, auf welche Art und Weise sie Entscheidungen treffen. Diese Tatsache untergräbt insbesondere Demokratien, denn was nicht verstanden wird, kann auch nicht angefochten werden. Dann ist auch eine Reglementierung schwer, für die Harari aber plädiert, solange es möglich ist. Eine Katastrophe lasse sich am ehesten über demokratische Selbstkorrekturmechanismen abwehren.
Harari ist besorgt um unsere Zukunft, denn wenn die meisten technischen Errungenschaften zunächst zu gravierenden Fehlern führten, wird es mit der künstlichen Intelligenz nicht anders sein, so sein Grundton. Dennoch ist alles offen: „Das neue Computernetzwerk wird nicht zwangsläufig gut oder schlecht sein. Mit Sicherheit wissen wir lediglich, dass es andersartig und fehlbar sein wird“ (S. 418).








