Wer traditionelle, also alltägliche Forschung der Gewalttätigkeit bezichtigt, muss mit Widerspruch rechnen. Sollte denn die wertfreie Suche nach Wahrheit moralisch anfechtbar sein? Dass »wertfreie« Wissenschaft indes auch »vogelfrei« (Fässler), dem Zugriff von Interessensgruppen aus Politik und Wirtschaft ausgesetzt ist, wird heute niemand ernstlich bestreiten. Wenn heute weltweit mehr als die Hälfte aller (Natur-) Wissenschaftler ihre Fähigkeiten und Kreativität in den Dienst globaler Vernichtungsstrategien stellen (und dabei vorgeben, dem Frieden zu dienen), wenn im Zeichen des Fortschritts die Grundlagen gesicherten Lebens gefährdet und über Generationen hinaus zerstört werden, dann ist die Forderung nach einer neuen, anderen Form von Forschung- mehr als Nörgelei oder Destruktivität. Sie ist viel eher ein Postulat der Vernunft. Konturen neuen Denkens, aber vielfach auch konkrete Vorschläge, wie eine „neue“ Wissenschaft tatsächlich aussehen könnte, vermittelt dieser Band in 21 Beiträgen zu den Themenkreisen »Friedenssicherung«, »Ökologie- und Demokratisierung der Wissenschaft«. über alle Facetten offenkundiger wie auch versteckter Gewalt, zu der sich Psychologen, Psychiater und Mediziner, Physiker und Biologen, Systemtheoretiker und Ethnologen, aber auch Rechts- und Geisteswissenschaftler/innen äußern, wird die Forderung nach menschlicher Forschung zum zentralen Anliegen. Obwohl Umweltzerstörung, Hunger und Rüstung die zentralen Probleme dieser Welt sind, handelt es sich dabei aus Sicht der Experten nicht um »wissenschaftliche« Fragestellungen. Wo Konkurrenzkampf den Alltag bestimmt, Forschung zum Dienstleistungssektor (multi-)nationaler ökonomischer Interessen verkümmert, ist eine Änderung indes nicht zu erwarten. Neue Formen im Umgang mit alltäglicher Gewalt (Hassenstein, Bauriedi), alternative Sicherheitspolitik (Dürr, Waibl) und Überlegungen zu einer tatsächlich »freien«, weiblichen Wissenschaft (Fässler, Mies, Hickel) sind gegenüber der herkömmlichen Praxis zu entwickeln. Die Eigendynamik wissenschaftlicher Tätigkeit zu bremsen, gefährliche Entwicklungen vorzeitig aufzuzeigen und gegebenenfalls auch zu verhindern, ist Aufgabe nicht nur der Natur-, sondern auch der Geistes- und Sozialwissenschaften. In diesem Sinne fordert Hickel etwa eine (antizipierende) Technologiefolgenbewertung statt (nachträglicher) Technologiefolgenabschätzung.

Wollen Wissenschaft und Forschung einen angemessenen Beitrag zur Lösung wesentlicher 'Probleme leisten, so können Veränderungen nicht ausbleiben. Alte Abhängigkeiten sind zu lösen, neue Formen der Zusammenarbeit zu suchen. Da die Chimäre einer wertfreien Wissenschaft erkenntnistheoretisch und realpolitisch widerlegt ist, müssen neue Wege (nicht nur) universitärer Arbeit erprobt werden. In diesem Sinne ist der vorliegende Band richtungsweisend. Der von H. Fässler verfasste »Innsbrucker Aufruf zu Gewaltfreier Forschung« vom 30. 11. 1984 führte knapp ein Jahr später zur Etablierung der interdisziplinären Veranstaltungsreihe an der Universität. Ergänzende, dem ordentlichen Studium anrechenbare Lehreinheiten, die zunehmende Öffnung der Fakultäten für Außenstehende und Initiativgruppen sowie die Reflexion interdisziplinärer Arbeitsbedingungen (Sprache, Medien) sind (vorläufige) Ergebnisse dieser Initiative. Die vorzuweisenden Ergebnisse mögen vorerst vereinzelt und unauffällig sein; Mut zu selbstbestimmtem Handeln machen sie allemal.

 

Das Tabu der Gewalt. Eine Auswahl aus der Vortrags- und Diskussionsreihe 1985-1987 »Wissenschaft und Verantwortlichkeit« (an der) Universität Innsbruck, Bd. 1;

Mitarb.: H.-J. Elster, B. Hassenstein, S. Hop], Th. Bauriedl, H.-P. Dürr, F. Capra, E. Borneman, M. Mies, E. Hickel u.a. Hrsg. v. Hildegard Fässler. Innsbruck: Eigenverl. H. Fässler, 1987. JDJ S.