Nach dem Sieg über Karthago brauchte das mächtige Rom einen neuen Feind und erfand die Bedrohung durch Barbaren. Wie sich dieser Prozeß nun - nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums - wiederholt, zeigt der französische Dritte-Welt-Experte, Politikwissenschaftler und Mediziner Rufin an zahlreichen Beispielen. Ein neuer Limes trennt den reichen Norden von den "Archipelen des Elends". Der Anspruch auf "Entwicklung für alle" ist passe, der Süden mutiert zur amorphen, bedrohlichen Masse. Das Problem des rapiden Wachsens der Populationen wird nicht wirklich erkannt, allenfalls macht sich ein neuer Malthusianismus breit, Hunger, Krankheit und Bürgerkrieg erscheinen als seine natürlichen Helfer. Die Weltkarte wird umgeschrieben, es entstehen neue "terrae ingognitae". weiße Flecken, die - von der Welt nicht mehr wahrgenommen - in Apathie und Anarchie verfallen. In diesem Prozeß des Zerfalls aller Ordnungsstrukturen spielen - so Rufin - auch korrupte Regierungen und sich verselbständigende Guerilla-Bewegungen in der Dritten Welt selbst eine fatale Rolle. Als Mitglied der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" hat der Autor die Regionen der Ärmsten besucht, er weiß, wovon er spricht. Sein Buch will aufrütteln gegen das Vergessen, das Abschotten, das Errichten von Grenzen, auch in unseren Köpfen. Der Rekurs auf das alte Rom entstellt dabei - so Adolf Muschg im Geleitwort - "die Weltkarte der Gegenwart zu überraschender Kenntlichkeit". H. H.

Rufin, Jean-Christophe: Das Reich und die neuen Barbaren. Berlin: Verl. Volk & Welt, 1993. 277 S., DM 38,- / sFr. 32,20/ öS 296,40