Ludger Eversmann

Marx' Reise ins digitale Athen

Ausgabe: 2020 | 1

Die nächste Gesellschaft, nach dem Kapitalismus, werde keine zentrale Planwirtschaft sein, sondern eher eine in staatliche, vernetzte, hoch automatisierte industrielle Strukturen eingebettete Marktwirtschaft, die schwach automatisiert und gering renditegetrieben sei, meint Ludger Eversmann. Der Autor beobachtet die aktuelle technologische und wirtschaftliche Entwicklung. Dabei sieht er unter anderem, wie Wirtschaftssektoren auf der Basis von technischen Entwicklungen obsolet werden. Das gab es schon immer. Die Erfindung der Waschmaschinen hatte den wirtschaftlichen Sinn, Waschhäuser zu betreiben, unterlaufen. (Fast) jeder Haushalt will saubere Wäsche, die Maschine konnte in Serie produziert werden, die Kosten waren niedrig. Was wird eines Tages passieren, wenn wir einen immer größeren Teil unserer materiellen Wünsche nicht mehr außer Haus bei Anbietern und Händlern bestellen müssen, sondern direkt Zugang zur Maschinerie haben, sie selbst herzustellen? Genau das entwickelt der Kapitalismus zurzeit – und stellt sich damit selbst in Frage.

Welche technologischen Entwicklungen stehen aktuell im Zentrum? Zuerst die Automatisierung der Produktion. In großen Schritten wird die Herstellung der Produkte und Dienstleistungen auf Roboter und Künstlichen Intelligenzen übergeben. Im Kapitalismus produzieren sie, was den BesitzerInnen „Return on Investment“ verspricht. Diese Produkte werden auf Märkten angeboten und dort verkauft. Neben der Automatisierung der Produktion erleben wir aber einen zweiten Schlüsseltrend. Die Möglichkeit, Bestellung und Produktion „on demand“ durchzuführen, entwickelt sich immer weiter. Unternehmen haben erkannt, dass massenhaft idente Ware sich immer schwerer verkauft und personalisieren daher ihre Produkte, fügen individuelle Elemente „on demand“ hinzu oder beginnen erst die Produktion, wenn die individuellen Wünsche vorliegen. Die KonsumentInnen sind es hier selbst, die die Intention in den Produktionsprozess einbringen, sie hätten Gebrauch für dieses oder jenes Produkt.

Nicht mehr der Tauschwert (gegen Geld) bestimmt, was hergestellt wird, sondern der Gebrauchswert on demand. Wenn man aber direkt Gebrauchswerte produzieren kann, öffnet das die die Tür zu einer anderen Form der Welt.

Aber warum sollte man in eine andere Welt gehen, wenn die aktuelle funktioniert? Eversmann sagt, dass unsere aktuelle Form Wirtschaft zu treiben auf eine Krise zusteuert. Die Digitalisierung und Automatisierung führen dazu, dass immer mehr Produkte immer günstiger herstellbar sind. Musik, Filme, Rezepte, Bauanleitungen, Software, Pläne für 3D-Druck u. v. a. haben digitale Formen angenommen, eine weitere Kopie kostet so gut wie nichts. In einer funktionierenden Marktwirtschaft würden immer KonkurrentInnen das Produkt billiger anbieten als andere, bis man sich knapp über den Herstellungskosten mit der Nachfrage treffe. Wenn aber die Grenzkosten für die nächste hergestellte Einheit des Produktes gegen Null tendieren, „fehlen die Preisfunktionen: es gibt keine Knappheitsindikatoren und keine die Produktion steuernde Marktnachfrage: Kapitalismus kann dann nicht mehr funktionieren, weil er nur Informationen aus Knappheitspreisen auswerten kann – es wird also nun ein anderes Wirtschaftssystem benötigt, das Gebrauchsinformationen als Allokationsvorgaben auswerten kann.“ (S. 55f.) Entweder der Kapitalismus schafft in dieser Situation durch Monopole die Konkurrenz ab, um unnatürlich hohe Preise zu erhalten (Pay Walls u. a.), oder er versabschiedet sich aus der Branche.

Was aber tritt an seine Stelle zur Bereitstellung dieser billigst herzustellenden, nachgefragten Güter, mit denen kaum mehr Gewinn zu machen ist? „So soll meine Smart City aussehen: Es gibt einen Store, in dem ich Kleidung anprobieren kann. Ich kann Stoffe anfassen und begutachten, wie sie sich anfühlen und riechen, ob sie schwer und warm oder leicht und luftig sind, und dann stelle ich mich vor einen großen Spiegel und ziehe mir etwas an, was aus diesem Stoff gemacht ist – aber virtuell, nicht wirklich. Das wäre viel zu aufwendig und zu teuer: Man müsste die wertvollen Ressourcen dieser Welt verschwenden, nur damit ich etwas anprobieren kann. Es geht auch so, ich kann mich sogar von hinten sehen, wie ich mich sonst vor dem Spiegel verrenken muss. Schließlich entscheide ich mich, bestelle, bekomme die Rechnung, und darauf steht: Dieser Anzug kostet 2 Euro. Na so was, schon wieder eine Preissenkung! Letztens waren es noch 2,50. Toll, das nenne ich Fortschritt. In zwei Tagen kommt mein Anzug per fahrerlosem Service von der Bundespost, oder sogar mit Drohnen. Der Laden, und alles was nötig ist, um Textilien zu produzieren ist staatlich. (...) Nur die Designs und Schnittmuster der Textilien kommen noch von privaten Modedesignern, oder man entwirft sie gleich selbst.“ (S. 9)