Bernhard Ungericht

Immer-mehr und Nie-genug!

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Immer-mehr und Nie-genug!

„Wenn man sich verirrt hat, empfiehlt es sich, an jene Orte zurückzukehren, an denen man falsch abgebogen ist“, schreibt Bernhard Ungericht, der einen historischen Abriss über die Steigerungslogik des Wirtschaftens sowie seine Verquickung mit Herrschaft und sozialen Hierarchien liefert. (S.12) Drei Merkmale nennt der Autor für diese „Ökonomie der Maßlosigkeit“: „die Macht der Elite, der Drang zur Expansion und repressive Gewalt.“ (S. 21) Ihre Ursprünge findet er in sumerischen Stadtstaaten, als sich erstmals eine kleine Elite von Beamten, Priestern und Königen über die Bevölkerung stellte und dem egalitären Zusammenleben in kleineren Einheiten ein Ende setzte. Privatisierung von Land sowie Schuldverhältnisse seien zu „ökonomischen Machtmitteln“ (S.21) geworden und hätten die Menschen ihrer Freiheit und Selbstbestimmung beraubt.

Mit der Ausbreitung des Münzgeldwesens  verbindet Ungericht den neuen militärischen Expansionismus – Söldnerheere wurden mit Geld entlohnt, Naturalabgaben durch Steuern ersetzt. Während die griechische Antike und das Römische Reich mit der Absolutsetzung des privaten Eigentums zum „Aufstieg der Ökonomie der Maßlosigkeit“ geführt habe, sprenge die Ökonomie der Neuzeit alle Grenzen. „Maßloser Konsum und imperialer Lebensstil“ (S. 156) würden die Krisen der Jetzt-Zeit bestimmen. Ungericht führt weiter aus, wie das quantifizierende Denken den Menschen selbst verändert (hat). Drei neue Erzählungen würden dieses Denken bestimmen: „Das Bild einer unerschöpflichen und grenzenlos ausbeutbaren Natur, die Idee vom Fortschritt und das Bild vom Menschen als ein natürlicherweise egoistisches, habgieriges Individuum.“ (S. 226) Abschließend setzt Ungericht einigen dystopischen Ausblicken wie der weiteren Zunahme

der Elitenmacht durch  Kontroll- und Überwachsungstechnologien die Hoffnung auf einen „Pfadwechsel“ (S. 256ff.) entgegen: „eine Kultur der Genügsamkeit und des Maßhaltens, eine Kultur der Solidarität mit denen, die schlechter gestellt sind, und eine Kultur des Mitgefühls für alles Leben auf diesem Planeten“ (S. 256). Aber dies sei mit „Selbstdeprivilegierung“ verbunden, was den Wandel nicht leichter mache.

Ein informatives, bestens recherchiertes und zugleich beklemmendes Buch, das dazu einlädt, unsere Bilder von Wohlstand und Fortschritt grundlegend zu revidieren. Und das die Gewalttätigkeit der modernen Ökonomie herausarbeitet.