Fritz Stern

Kulturpessimismus als politische Gefahr

Ausgabe: 2026 | 4
Kulturpessimismus als politische Gefahr

In einer Zeit, in der demokratische Gesellschaften weltweit durch populistische Strömungen herausgefordert werden, gewinnt ein neu aufgelegtes Werk der Ideengeschichte wieder an politischer Aktualität. Das Buch „Kulturpessimismus als politische Gefahr“ des renommierten Historikers Fritz Stern bietet eine systematische Analyse der ideologischen Vorläufer des rechten, völkischen Denkens in Deutschland. Stern, der unter dem massiven Druck der Nationalsozialisten im Jahr 1938 gemeinsam mit seinen Eltern in die Vereinigten Staaten von Amerika emigrieren musste, bringt für diese grundlegende Untersuchung eine prägende biografische Perspektive mit. Als späterer Professor für Geschichte lehrte er nicht nur an der angesehenen Columbia University, sondern wirkte auch an zahlreichen anderen Universitäten, darunter an der Freien Universität (FU) Berlin. Sein gesamtes akademisches Leben war der intensiven und kritischen Auseinandersetzung mit der nationalistischen Ideologie in Deutschland gewidmet. In dem nun neu aufgelegten Werk dokumentiert er überaus präzise die Gedankenwelt dreier zentraler Vertreter der sogenannten „konservativen Revolution“: Paul de Lagarde, Julius Langbehn und Moeller van den Bruck. Stern stellt deren komplexe Ideenwelt detailliert und systematisch dar.
Im Kern seiner wissenschaftlichen Untersuchung steht die zentrale Erkenntnis, dass diese drei Autoren gewissermaßen an der Wiege der völkischen Ideologie der Zwischenkriegszeit standen. Fritz Stern bezeichnet und identifiziert sie dabei als eine gänzlich neue Art des Intellektuellen innerhalb der modernen Welt.
Besonders faszinierend an Sterns historischem Befund ist die weitreichende Beobachtung, dass dieser spezifische Intellektuellentypus keineswegs isoliert agierte, sondern zur selben Zeit in vielen verschiedenen Ländern Europas in Erscheinung trat. Was Lagarde, Langbehn und van den Bruck einte, waren verblüffende Ähnlichkeiten in ihrem jeweiligen Lebenslauf sowie tief sitzende, gemeinsame geistige Wurzeln, die sich vornehmlich in einem erbittert geführten Kampf gegen die heraufziehende Modernität manifestierten. Sie alle waren unmittelbare Zeugen der allmählichen Auflösung des alten Deutschlands und dessen rasanter Umwandlung in ein neues, stark verstädtertes und zunehmend säkularisiertes Land. An die Stelle der „gewohnten Ruhe“ und der festgefügten sozialen Ordnung der vorindustriellen Gesellschaft traten in ihrer pessimistischen Wahrnehmung plötzlich ohrenbetäubender Lärm und ein beständiger, zermürbender Wechsel.
Dieser fundamentale gesellschaftliche Wandel wurde von den drei konservativen Autoren radikal abgelehnt und bildete den fruchtbaren Nährboden für den im Buchtitel prominent benannten Kulturpessimismus. Stern zeigt in seiner Argumentation detailliert auf, wie diese Männer die Gegenwart fast ausschließlich in einem negativen Licht betrachteten. Ihre philosophischen Schriften waren erfüllt von düsteren Prophezeiungen eines kommenden Unheils, während in ihren Texten nur höchst selten Hoffnung aufklang, dass überhaupt noch eine gesellschaftliche Rettung möglich sei. Zu den wesentlichen Symptomen ihres allumfassenden Pessimismus gehörte die unumstößliche Überzeugung, dass der Einfluss des modernen Kommerzialismus zutiefst bedrückend wirke. Gleichzeitig diagnostizierten sie einen gravierenden, unaufhaltsamen Niedergang in den Bereichen der Kunst und der Erziehung. Auch die institutionalisierte Religion sahen sie im Verfall begriffen; so stellten sie beispielsweise kritisch fest, dass die protestantische Kirche rapide ihre Vitalität verliere. Es war die Auffassung vorherrschend, dass das städtische, moderne Leben, der Liberalismus und die Moderne eine scheinbar einst perfekt funktionierende nationale Gemeinschaft unaufhaltsam untergraben hätten. Genau diese Vielzahl an negativen Gegenwartsdiagnosen bildete die emotionale und intellektuelle Grundlage für ihre politischen Plädoyers, eine – freilich imaginierte - „Vergangenheit“ wiederherzustellen.
Stern argumentiert überzeugend, dass dieses Denken nicht etwa auf der konservativen Verteidigung des Alten oder der bloßen Erhaltung sozialer Privilegien beruhte, da sie der Vergangenheit zwar verhaftet waren, sich aber um diese Privilegien nicht bemühten. Vielmehr handelte es sich bei ihrer völkischen Vision um eine reine idealistische Abstraktion. Sie klammerten sich an eine scheinbare Erinnerung an ein Deutschland, das in dieser idealisierten Form jedoch niemals historische Wirklichkeit gewesen war. Sie imaginierten und beschworen eine romantisierte Volksgemeinschaft. In diesem künstlichen ideologischen Konstrukt hatten sie der etablierten Religion interessanterweise genauso rigoros abgeschworen wie der Vernunft. Es überrascht den Lesenden daher nicht, dass anstelle rationaler politischer Diskurse die Mystik eine überragend große Rolle in ihren Texten einnahm. Fritz Stern erklärt diese Ausprägung der extremen Ideologie folgerichtig als ein Resultat der Modernisierung, gegen welche diese Autoren so verzweifelt und hasserfüllt ankämpften.