Nick Srnicek

Silicon Empires

Ausgabe: 2026 | 4
Silicon Empires

Generative KI hat nicht nur Einzug in den Alltag vieler Menschen gehalten, sondern wird auch von wirtschaftlichen Akteuren immer stärker genutzt. Doch wer profitiert eigentlich vom gegenwärtigen KI-Boom? Der am King's College London lehrende politische Ökonom Nick Srnicek fragt in „Silicon Empires“, auf welche Weise Unternehmen und Staaten versuchen, die Entwicklung dieser Technologien zu kontrollieren, den erzeugten Mehrwert abzuschöpfen und die damit verbundene Macht zu sichern.


KI als Querschnittstechnologie
Den Ausgangspunkt des Buches bildet eine scheinbar paradoxe Beobachtung: Trotz stark wachsender Nutzung macht bisher kein KI-Unternehmen nennenswerte Gewinne mit KI. Das liegt, so der Autor, in der Natur der Technologie selbst. Generative KI wird als kommende „general-purpose technology“ (GPT) oder Querschnittstechnologie verstanden. Dabei handelt es sich um eine Technologie, die sich durch ihre breite Anwendbarkeit quer durch viele Wirtschaftssektoren auszeichnet, Synergien mit komplementären Innovationen entfaltet und weiteres Innovationspotenzial birgt. Historische Beispiele hierfür sind die Dampfmaschine, die Elektrizität oder das Internet. Entscheidend ist dabei, dass der wirtschaftliche Mehrwert nicht bei der Erfindung selbst entsteht, sondern erst nachgelagert bei der sektorspezifischen Anwendung und breiten Diffusion.
Für KI-Unternehmen bedeutet das ein strukturelles Dilemma, denn die Systeme sind aufgrund der hohen Rechenleistung, der teuren Hardware, und des aufwändigen Trainings extrem teuer. Langfristige Gewinne lassen sich nur sichern, wenn Unternehmen die Technologie kommerziell nutzen oder es ihnen gelingt, sich als dominanter Marktakteur zu etablieren. Erschwerend kommt hinzu, dass verschiedene Anwendungskontexte jeweils eigene technische Voraussetzungen stellen, was die Diffusion aufwändig und teuer macht. Wie nachhaltige Gewinne erzielt werden sollen, bleibt damit offen.


Vier Strategien der Wertschöpfung
Im zweiten Kapitel entwirft Srnicek eine Klassifikation von vier Strategien, mit denen die Konzerne auf dieses Profitabilitätsdilemma reagieren. Amazon und Microsoft setzen auf eine Infrastrukturstrategie und erzielen Gewinne durch die Bereitstellung einer Cloud-Infrastruktur. OpenAI und Anthropic verfolgen die Frontier-Strategie. Sie treiben die Entwicklung bestimmter Modelle voran, in der Hoffnung, dass diese in naher Zukunft als technologisch überlegen gelten werden. Google betreibt eine Konglomerat-Strategie. Durch sektorübergreifende Investitionen in Start-ups und die Entwicklung industriespezifischer Produkte wird versucht, in möglichst vielen Industrien präsent und relevant zu sein. Meta schließlich nutzt mit Llama eine offene Strategie und gewährt Open-Source-Communities Zugang zum eigenen Modell. Deren Beiträge werden strategisch genutzt, um eigene Entwicklungsressourcen und somit Kosten zu sparen, während Innovationen der Open-Source-Gemeinschaft abgeschöpft werden.


Vom „Silicon Valley Consensus“ zum „Tech-industriellen Komplex“
Im dritten und vierten Kapitel wendet sich der Autor der geopolitischen Dimension zu. Er diagnostiziert das Ende des „Silicon Valley Consensus“ – jener Überzeugung der Tech-Eliten, dass eine von den USA geführte Globalisierung und Deregulierung allen nützt. Chinas Aufstieg zum technologischen Konkurrenten sowie zunehmende Handelskonflikte haben diese Harmonie zerstört und eine neue Konstellation geschaffen. Das Verhältnis zwischen Staat und Tech-Konzernen wird in beiden Ländern neu verhandelt.
Symptomatisch dafür ist auch die zunehmende Öffnung von Google, Meta, OpenAI und Amazon gegenüber militärischen und sicherheitsbezogenen KI-Anwendungen. Dabei entstanden in den letzten Jahren unterschiedliche Kooperationen mit Verteidigungs- und Rüstungsakteuren. Der Grund dafür ist unmittelbar: Eine Kooperation mit dem Pentagon, wie im Falle von OpenAI, bedeutet eine wichtige finanzielle Einnahmequelle in einem unsicheren Markt. Srnicek verweist in diesem Kontext auf die Entstehung eines „Tech-industriellen Komplexes“, also einer Allianz aus Staatsinteressen und Big Tech, vor der Joe Biden in seiner Abschiedsrede 2025 explizit gewarnt hatte.
„Silicon Empires“ ist ein lesenswerter Einstieg in die politische Ökonomie der KI und bietet eine informative Zusammenfassung aktueller Debat ten um KI-Technologien und deren Wertschöpfungsketten. Die Einordnung der damit verbundenen Unternehmensstrategien ermöglicht es den Leser:innen, ein besseres Verständnis über den derzeit recht unübersichtlichen KI-Markt zu gewinnen. Historisch betrachtet, so Srniceks zentrale These, war es nicht die Erfindung selbst, sondern die flächendeckende Diffusion einer Querschnittstechnologie, die in früheren industriellen Revolutionen den entscheidenden Vorteil brachte. Diese Einsicht dürfte auch für generative KI in der gegenwärtigen geopolitischen Konstellation zutreffen.