Chip Colwell

Habseligkeiten

Ausgabe: 2026 | 4
Habseligkeiten

Wie sehr prägen Dinge, vom Werkzeug bis zum Labubu, unser Leben? Warum fällt uns das Wegwerfen dieser Sachen oft so schwer, und wie könnte ein Leben abseits des Materialismus aussehen? Der Anthropologe Chip Colwell geht in seinem Buch „Habseligkeiten. Eine Geschichte der Menschheit vom Faustkeil bis zum Smartphone“ diesen Fragen nach. Sein umfangreiches Werk beinhaltet die Analyse von Dingen als reine Nutzgegenstände, ihre symbolische Aufladung und schlussendlich die Auswüchse moderner Konsumgesellschaften.


Werkzeuge herstellen
Vor etwa vier Millionen Jahren hat der Mensch das Herstellen von Werkzeugen entdeckt, was im Zusammenspiel von Biologie und Kultur den Weg zu einem evolutionären Fortschritt ebnete. Ein Beispiel hierfür ist die nachweisbare Veränderung der Zähne: Ein 2,8 Millionen Jahre alter Unterkiefer der Gattung Homo weist wesentlich kleinere Zähne auf, als es bei älteren Funden der Fall ist. Diese Veränderung zeigt, dass unsere Vorfahren mit Hilfe von Werkzeugen in der Lage waren, Fleisch zu zerkleinern, was zu einem deutlich geringeren Muskelaufwand beim Kauen und dem Abstumpfen der Zähne führte. Dieser Moment, so der Anthropologe, gehört „zu den bedeutsamsten Wendepunkten in der Geschichte unseres Planeten“ (S. 63). Der Einsatz von Messern bei der Ernährung wirkte sich aber nicht nur auf Kiefer und Zähne aus, sondern auch auf Darm und Gehirn. Während der Darm durch die einfachere Verarbeitung der kleineren und zum Teil auch gehaltvolleren Stücke – so wurde etwa Knochenmark zugänglich – zu schrumpfen begann, konnte die überschüssige Energie an das wachsende Gehirn umverteilt werden. Viele kleine Entwicklungsschritte und Werkzeuge später bildet die Neolithische Revolution (Jungsteinzeit) vor etwa 12.000 Jahren eine weitere Zäsur in Form der Sesshaftwerdung. Zwar war das Leben der ersten Bauern schwieriger und härter als das Nomadentum, doch mit dem Ackerbau ergab sich erstmals die Möglichkeit, einen Produktionsüberschuss zu erzielen und Habseligkeiten anzusammeln, denen auch Bedeutungen zugeschrieben wurde.


Bedeutung schaffen
Im zweiten Kapitel behandelt der Autor die Frage, ab wann Menschen Dingen Bedeutung und auch Ästhetik zugesprochen haben und welche weitreichenden Folgen dieser Sprung für die Menschheit haben sollte. Einen genauen Zeitpunkt für die Entwicklung eines Sinns für Kunst lässt sich jedoch nicht festmachen. Vieles deutet darauf hin, dass diese Revolution des menschlichen „Erkenntnisvermögens und Verhaltens“ (S. 130) noch vor der Homo-Linie begann. Neben der Kunst wurde aber auch anderen Dingen Wert zugesprochen, beispielsweise Geld. „Es ist bemerkenswert, dass Geld in vielen Gesellschaften entstanden ist, die damit beschäftigt waren, neue Formen der Hierarchie zu konstruieren“ (S. 188). Neben der Herausbildung von hierarchischen Strukturen verweist der Autor auf eine weitere herausragende Entwicklung: Bereits in den Darstellungen zur Anwendung von Werkzeugen zeigte er, dass Menschen mit Hilfe von Dingen in der Lage sind, „in den physischen Raum hinauszugreifen – wir spüren das Ende der Stoßstange unseres Autos beim Einparken“ (S. 206). Eine Fortschreibung dieser Fähigkeit, der „Erweiterung des eigenen Selbst“ (S. 206), führt auch dazu, dass Dinge – etwa Erbstücke – eine Form des (kollektiven) Gedächtnisses darstellen können. Unsere Besitztümer werden „unerlässlich um zu wissen, wer wir sind. Die Menschen suchen, drücken aus, bestätigen und vergewissern sich eines Gefühls des Seins […] durch das, was sie besitzen“ (S. 210).


Mittendrin sein
Im Schlusskapitel beschreibt der Anthropologe, wie sehr technologische Fortschritte und ausgeklügelte Marketingkonzepte unser Verhältnis zu Dingen weiter beeinflusst haben. Insbesondere geht er auf den Abhängigkeitseffekt ein, bei dem die Produktion den Bedürfnissen vorausgeht und diese oft erst wecken muss, um dem Ziel, immer mehr zu produzieren und zu generieren, gerecht zu werden. Neben dem Erschaffen von Bedürfnissen stellt auch das Prinzip der Obsoleszenz ein Merkmal unserer Konsumgesellschaft dar. Der Begründer dieses Begriffs, Bernhard London, argumentierte dahingehend, „die Regierung müsse den Verschleiß von persönlichen Gegenständen gesetzlich vorschreiben, um die Wirtschaft während der Wirtschaftskrise anzukurbeln“ (S. 288). Den Abschluss des Buches bildet eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Philosophien des Verzichts, von Diogenes bis zu den Ludditen. Der Autor verweist zwar auch auf den Wert der Kreislaufwirtschaft, betont aber vor allem die Notwendigkeit individueller Verhaltensänderungen. „Schließlich frage ich mich, ob der vierte Sprung nicht vielleicht darin besteht, dass alle, die in der Konsumgesellschaft eingebettet sind, zu echten Ludditen werden“ (S. 352).