Agnes Arnold-Forster

Nostalgie

Ausgabe: 2026 | 4
Nostalgie

Von Antiquitätenshows und Mittelalterspektakeln über 90er-Jahre-Kultserien und Filmklassiker-Remakes bis hin zu Fantasy-Rollenspielen und Vintage-Mode – Nostalgie kennt viele Formen und ist aus unserer Gesellschaft kaum mehr wegzudenken; mit verlässlicher Regelmäßigkeit aber erscheinen aufgeregte Medienkommentare, die gegenwärtige Nostalgie-Trends identifizieren, diese aber so behandeln, als wären nostalgische Gefühle per se etwas Neues und obendrein noch etwas Gefährliches (vgl. passim). Hinter diesen Pauschalurteilen steckt die Unkenntnis der Kulturgeschichte der Nostalgie, noch häufiger aber wohl das Nachwirken einer langen Tradition der Pathologisierung von Nostalgie in frühmoderner Medizin, älterer Psychoanalyse und linksliberaler Kulturkritik (vgl. S. 255 ff.). Da sich deren Perspektive aber inzwischen als unhaltbar herausgestellt hat (vgl. S. 234 f.), war es nur eine Frage der Zeit, bis sich eine Studie an die „Rehabilitierung“ (S. 255) der Nostalgie machen würde, indem sie die Geschichte dieser Gefühlslage, aber auch die ihrer Pathologisierung erzählt; genau das leistet nun das Buch der Historikerin Agnes Arnold-Forster; die Autorin nimmt uns mit auf eine Reise, die bis ins 17. Jahrhundert zurück führt – in jene Zeit, in der der Begriff „Nostalgie“ ursprünglich geprägt wurde.


„Diagnose“ Nostalgie?

Zunächst erfährt man – mit Verweis auf die Etymologie („nostos“ + „algos“) – vom „Heimkehrschmerz“ Nostalgie (vgl. S. 18), ursprünglich eine medizinische Diagnose und ein Versuch, sich eine rätselhafte Erkrankung zu erklären, die damals bei Menschen auftrat, die aus ihrer heimatlichen Umgebung gerissen worden waren. Später veränderte sich zwar der Bedeutungsgehalt von „Nostalgie“ – aus einer krankmachenden „Sehnsucht nach dem Ort, den man verlassen hatte“ (S. 81), wurde das Sehnen nach einer vergangenen Zeit (also das Gefühl, wie wir es heute kennen); und doch blieb der Begriff bis ins späte 20. Jahrhundert hinein ein zumeist stigmatisierender, da man glaubte, das Gefühl als geistiges Schwächezeichen oder aber als poli tische Gefahr deuten zu müssen. Arnold-Forster zeigt auf, dass diese Sicht der Nostalgie als „Dia gnose“ sogar heute noch in jenen Kommentaren nachwirkt, die ihr Unverständnis für das nostalgische Wahlvolk zum Ausdruck bringen (vgl. S. 257).


Ehrenrettung der Nostalgie

Die Kulturgeschichte des Phänomens zeigt nun aber ein anderes Bild als das der abwertenden oder vereinseitigenden Deutungen; wer das Buch liest, lernt unter anderem Folgendes: Nostalgie ist keine Krankheit (mehr), sondern eine menschliche „Konstante“ (S. 259); als solche ist sie auch kein bloßes Modephänomen einer krisengebeutelten Zeit, sondern „immer präsent“ (S. 260); und – trotz ihrer Ausrichtung an der Vergangenheit – ist sie auch keine (ausschließliche) „Domäne der Rechten“ (S. 265). Sie ist ein „bittersüßes, auf die Vergangenheit bezogenes Gefühl“ (S. 10) – nicht ganz unähnlich der portugiesischen „saudade“ (S. 14). Und als solches verdient sie eine ausgewogenere Analyse ohne Ressentiments und ideologische Dogmatik; Arnold-Forsters Werk bemüht sich genau darum.