"Gemini" nennt der Salzburger Erfinder Roland Mösl in Ableitung der lateinischen Wurzel "zweifach" sein Sonnenhaus, das Wohnanlage und Kraftwerk zugleich ist. Bis in die kleinsten Details hat er die Daten für eine optimale Nutzung der Wärme- und Lichtstrahlung der Sonne für eine derartige, bisher nur im Modell existierende Anlage errechnet. Das Haus hat die Form eines Zylinders, wird getragen von einem mit verschiedenen Dämmaterialien ausgekleideten Stahlgerippe, die dem Süden zugewandte großflächige Glasfassade (ansonsten gibt es keine Fenster) sorgt für Licht und für die Erwärmung der Innenräume, über computergesteuerte Rolläden wird die tagsüber aufgenommene Wärme auch bei Abkühlung in der Nacht gespeichert. Das mehrgliedrige mit Sonnenkollektoren bestückte Dach dient als Solarkraftwerk, das nicht nur Strom für den Eigenbedarf, sondern auch für ein Verbundnetz produziert. Eine Besonderheit: Das Haus steht auf einer Stahlachse und wird dem jeweiligen Einstrahlungswinkel der Sonne nachjustiert. (Solche Drehhäuser werden in Frankreich bereits in Serie produziert!)

Der Autor fordert in Analogie zum "Jahrhundertsprung" in der Entwicklung des Automobils seit der Erfindung des Dieselmotors einen Innovationsschub auch in der Wohnarchitektur. Um in hundert Jahren überhaupt noch ein Haus bauen zu dürfen, müssten, so Mösl, folgende Mindestbauvorschriften gelten: Verbrennungsverbot, also gänzlicher Verzicht auf Kohle-, ÖI- oder Gasfeuerungen ("Mehr als die Kerzen einer Geburtstagstorte darf nicht verbrannt werden. "). optimale Wärmeisolierung (Festlegung eines nach Computersimulationen errechneten maximalen Wärmebedarfs), Erzeugung von Strom über den Eigenbedarf hinaus ("je nach Lage 50 bis 100 kWh Mindestertrag pro Quadratmeter Grundstück") sowie Planung der Siedlungen nach einer optimalen Schattenordnung (Bestimmung von Obergrenzen für Schatten, die Nachbarhäuser einander werfen dürfen). Die Bewährung in der Praxis hat das Gemini-Projekt, dem bei der Weltinnovationsmesse EUREKA 1993 in Brüssel ein Preis zuerkannt wurde, ebenso wie das im Buch vorgestellte Projekt einer Autobahntankspur für Solarfahrzeuge, noch vor sich.


Dem "bewohnten Sonnenkraftwerk" ist die baldige Umsetzung in einem Pilotversuch sehr zu wünschen, innovationsfreudige Investoren werden noch gesucht. Sollte das Gemini-Haus zur Serienreife gelangen, so sind freilich neben präzisen Kostenrechnungen (Faktor Wirtschaftlichkeit) auch, wie der Autor selbst betont, architektonische Differenzierungen notwendig,  da Wohnen nie allein auf Funktionalität (hier im Sinne von Energieeffizienz) ausgerichtet sein kann, sondern immer auch ästhetische Bedürfnisse zu befriedigen hat.

H.H.

Mösl, Roland: Aufstieg zum Solarzeitalter.

Salzburg: Grauwerte-Verl., sFr 35,-/ÖS 268,-  1993. 249 S., DM 38,- /