Klaus von Dohnanyi

Nationale Interessen

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Nationale Interessen

Von Dohnanyi trifft mit seinem Buch über nationale Interessen und welche Rolle diese für künftige Möglichkeiten der Politik spielen angesichts der aktuellen Entwicklungen ins Schwarze – nur nicht zu seinem Vorteil. Das Buch wurde Ende 2021 veröffentlicht und liefert sich mit seiner USA-kritischen sowie tendenziell Russland-freundlichen Argumentation heftiger Kritik aus. Doch auch wenn man nun so täte als wäre der Krieg in der Ukraine noch nicht ausgebrochen, bietet das Buch genug Ansatzpunkte dafür.

Europa, USA, Russland und China

Von Dohnanyi singt das alte Lied der beim Thema Nationalinteressen zurückhaltenden Deutschen. Ob das der politischen Realität entspricht, wenn man sich Deutschlands Rolle und Position im EU- und Welt-Gefüge anschaut, mag bezweifelt werden. Er argumentiert, dass Nationen das Fundament für jede Entwicklung sind, da der Markt keine steuernde Wirkung hat, um weltweite Krisen überwinden zu können. Nur Nationen haben diese souveräne Handlungsmacht. Somit sollten sich die europäischen Staaten wieder mehr auf ihre Interessen zurückbesinnen, da sie im Laufe der Geschichte und durch die imperialistischen Eingriffe der USA den Blick dafür verloren hätten. So übt er auch harsche Kritik an unseren nur scheinbaren Verbündeten, denen wir uns in der Realität eigentlich unterworfen hätten. Mit weiten Schleifen über die Geschichte erläutert er die US-amerikanische imperialistische Ausrichtung.

Danach werden Russland und China vorgestellt, weit freundlicher, wie sich feststellen lässt: Russland als unser Nachbar, durch die USA in die Blockade-Position gezwungen, China als Welthandelsmacht. Dazwischen befindet sich Europa, das geopolitisch zwischen den Machtansprüchen der drei zerrieben wird. Geopolitisch bildet Europa den Brückenkopf für die imperialistische Geopolitik der USA. Damit das so bleibt stören die USA die Beziehungen zu Russland und China. Auch die Allianz Russland-China soll vermieden werden, was bekanntermaßen im Gegenteil endete. Dohnanyi argumentiert weiter, dass viele der globalen Aktionen der USA ihre Ziele verfehlen und wie sie sich am Ende gar dieser übernommenen Verantwortung entziehen. So gesehen sind die USA ein ständiger Aggressor, der Schauergeschichten über seine Feinde erzählt, um Verbündete bei der Stange zu halten und Taten zu legitimieren. Kann das im europäischen Interesse sein?, so von Dohnanyi immer wieder.

Er zeigt Verständnis für den russischen Ärger über gebrochene Versprechen der USA bezüglich der NATO-Osterweiterung im kurzen Weg der Wiedervereinigung Deutschlands. Die historische Nachvollziehbarkeit des russischen Ärgers legitimiert jedoch keine kriegerischen Auseinandersetzungen bzw. die Drohkulisse dieser. Vielleicht wäre die bessere Frage, ob wir wirklich unsere Geschichte mit alten Mitteln á la Dolchstoßlegenden fortführen wollen.

Von Dohnanyis Argumentation ist historisch verankert. Teils hat man den Eindruck ein Geschichtsbuch zu öffnen, nicht eines zur Zukunft einer neuorientierten europäischen Politik. Wirkt das auf den ersten Blick stichhaltig, findet sich genau darin die Gefahr einer solchen Argumentation. Zunächst ist die Erzählweise sehr schwarz/weiß gehalten, gebündelt mit einer historistischen Perspektive sind einfache Kausalschlüsse schnell gezogen. So argumentiert er auch, die USA bräuchten die Bedrohungskulisse Russland, um ihre imperialistische Politik fortführen zu können. Vielleicht nicht falsch, doch im Umkehrschluss skizziert von Dohnanyi ähnlich die Bedrohungskulisse USA für Europa. Ob das zielführend ist? Ist die Lösung, sich auf nationale Interessen zurückzubesinnen, tatsächlich eine gangbare und gute oder ist die Fokussierung auf sie nicht auch ein Grund für die misslungene internationale Zusammenarbeit? Sollten Nationen nicht vielmehr ein Auge auf gemeinsame Interessen werfen, von denen es inzwischen mehr als genug gibt?

Insgesamt abstrahiert und vereinfacht Dohnanyi viel, was sich auch an Aussagen, dass

Staaten etwas denken würden, ablesen lässt. Natürlich ist das absurd, denn Staaten denken nicht und das Bild eines homogen denkenden Staates steht sinnbildlich für diese gefährliche Vereinfachung. Somit bildet der traurige Beweis für die Freundlichkeit unseres Nachbars nur den Höhepunkt der möglichen Kritik.

Historistische Analogien

Dennoch sind die Einblicke nicht uninteressant, wenn auch sicher nicht so von Dohnanyi beabsichtigt: Das Buch zeigt mit den Ausführungen eines Polit-Urgesteins, dass der Kalte Krieg in den Köpfen der Politiker:innen nie geendet hat und dessen Argumente und Denkweisen sich nahtlos in die angebliche Friedenszeit bis heute ziehen. Historistische Analogien allein sind mangelhafte Werkzeuge, um zukünftige Wege aufzuzeigen und bergen die Gefahr der Reproduktion von Fehlern und des Fortführen alter Fehden – also genau das, was wir momentan wieder beobachten dürfen. Und so will ich mit von Dohnanyis Frage enden: Kann das im europäischen Interesse sein?