Werner Mittelstaedt

Anthropozän und Nachhaltigkeit

Online Special

Werner Mittelstaedt zählt zu den Gründern einer kritischen Zukunftsforschung. Er fühlt sich einer humanistischen Weltanschauung verpflichtet und setzt auf die Stärken der Aufklärung. In seinem neuen Buch spürt er dem vom Klimaforscher Paul J. Crutzen geprägten Begriff des Anthropozän nach. Was dieses bedeutet, zeigt Mittelstaedt im ersten Teil des Bandes, in dem er zahlreiche Fakten zur „großen Beschleunigung“ (S. 85) zusammenträgt. Er listet insgesamt „43 Tatsachen über das Handeln der Weltgesellschaft“ (S. 81) auf, die – so Mittelstaedt – „noch erheblich ergänzt“ werden könnten, und macht dabei acht nicht nachhaltige Megatrends aus (S. 116f.): den menschengemachten Klimawandel, das sechste große Massenaussterben, das Bevölkerungswachstum, den ungebremsten Energieverbrauch, die fortschreitende Bodendegradation inklusive den rasant steigenden Flächenverbrach, die Überlastung der Biokapazität der Erde, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich sowie schließlich die weltweiten Militärausgaben und die Produktion von Massenvernichtungswaffen (chemisch, biologisch, radiologisch und nuklear). Mittelstaedt plädiert für die offizielle Ausrufung des Anthropozän durch die Internationale Union der Geowissenschaften, weil dies von großer symbolischer Bedeutung sei: „Es ist der Auftrag an uns Menschen, unser Handeln so anzupassen, dass der Planet Erde für alles Leben dauerhaft, also nachhaltig, erhalten bleibt.“ (S. 137)

Vorschläge für ein zukunftsfähiges Handeln

Der zweite Teil des Buches widmet sich Vorschlägen für ein „zukunftsfähiges Handeln“ (S. 139). Mittelstaedt spricht von „nicht unrealistischen Sofortmaßnahmen“ (S. 146), weil diese Komponenten enthalten, „die zwar durch Länder und/oder Kommunen finanziert werden müssen, die aber sozialverträglich sind und nicht übermäßig die unteren Mittelschichten und Geringverdiener belasten“ (S. 149). Zu den Vorschlägen für einen wirksamen Klimaschutz zählt der Autor weltweite CO2-Steuern mit Abfederungen für die Einkommensschwachen, einen reformierten CO2-Emissions-Zertifikate-Handel, den Schutz von Regenwäldern über Budgets der  Entwicklungszusammenarbeit durch Pacht oder Ankauf von Flächen für Naturschutzgebiete, dazu passend großflächige Aufforstungen, einen radikalen Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energieträger, den Schutz und die Renaturierung von Mooren sowie den Stopp von Palmöl-, Ethanol-, Soja- und Fleischimporten aus Ländern, die dafür Regenwälder vernichten. Bis ins kleinste Detail gehende Maßnahmen fasst Mittelstaedt auch für Kommunen (von mehr Radwegen und Tempo 30 bis hin zur Entsiegelung von Flächen) und Unternehmen (z. B. Ausweitung von Homeoffice und Video-Konferenzen) zusammen. Auf nationaler Ebene wären ebenfalls zahlreiche, leicht umzusetzende Schritte möglich: von der drastischen Verteuerung von Kurzstreckenflügen bis hin zu deutlich höheren Verbrauchssteuern für Automobile und Luxussteuern für SUVs. Unter den insgesamt 30 Vorschlägen finden sich auch solche zu einer nachhaltigen Landwirtschaft und der drastischen Reduktion des Ressourcenverbrauchs durch eine Kreislaufwirtschaft. Neubauten aller Art sollen gesetzlich verpflichtet mit Photovoltaikanlagen ausgerüstet werden (S. 170). Wie andere auch plädiert Mittelstaedt schließlich für neue Wertorientierungen und Denkmuster, zu denen ein „kooperativer Individualismus“ (S. 180) und holistisches Denken gehörten, sowie andere Handlungsmuster wie verkürzte Arbeitszeiten, mehr Genossenschaften, eine andere Form von  Entwicklungszusammenarbeit mit besserem Know-how-Transfer, neue Mobilitätskonzepte oder die Konversion der Rüstungsindustrien.

Umsetzbare Maßnahmen werden aufgezeigt

Unter „Aufklärung im Anthropozän“ (so Teil 3 des Bandes) versteht Mittelstaedt die Adaptierung der Lehr-, Lern und Forschungsinhalte sowie der Medien dergestalt, dass diese sich den zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts stellen. Was diese sind, macht etwa das Glossar des Buches deutlich, das Phänomene wie „Kippeffekte“ oder „Nichtlineare Systeme“ einfach erklärt. Es gäbe gute Gründe, nicht pessimistisch in die Zukunft zu blicken, so Mittelstaedt. Der Zukunftsforscher setzt auf evolutionäre Veränderung und hofft auf das Zusammenwirken der vielen weltweit wachsenden Neuansätze: „Überall auf der Welt sind Menschen dabei, sich den Herausforderungen der Klimakrise und den Anforderungen an die Nachhaltigkeit mit unzähligen kleinen und manchmal auch größeren Lösungen kreativ zu stellen.“ (S. 148)

Mit der Beschreibung der zahlreichen nicht nachhaltigen Trends der Weltgesellschaft macht Mittelstaedt verstehbar, was mit dem Begriff des Anthropozäns gemeint ist. Er verdeutlicht, dass die Herausforderung in der Tat eine große ist. Zugleich ist es der Verdienst des Bandes, dass umsetzbare Maßnahmen aufzeigt werden, die politisch durchaus mehrheitsfähig und damit auch in kurzer Frist machbar wären. „Nur wenn, was ist, sich ändern lässt, ist das, was ist, nicht alles.“ Nicht von ungefähr stellt Mittelstaedt diesen Satz von Theodor W. Adorno seinem Buch voran. Er hält eine politische Zukunftsvision nachhaltiger Gesellschaften, die Mehrheiten anspricht und alle partizipieren lässt, für machbar und daher auch für ein wirksames Gegenmittel gegen Rechtspopulismus und antidemokratische Bewegungen. Dass der Autor dabei den Kapitalismus nicht grundsätzlich in Frage stellt, sondern von dessen möglicher Zähmung ausgeht, darüber soll weiter konstruktiv gestritten werden.