Fernsehen beansprucht laut Umfragen die meiste Zeit innerhalb der Freizeitgestaltung. Markant ist die Entwicklung nach Einführung des Kabelfernsehens durch Vermehrung der Programme: der Fernsehkonsum der Kinder hat dadurch viel stärker zugenommen als der der Erwachsenen. Obwohl laut Statistik also Fernsehen die beliebteste Freizeitbeschäftigung ist, genießen es viele nicht einmal, sondern verbringen ihre Fernsehzeit mit schlechtem Gewissen. Buddemeier geht vor dem Hintergrund der anthroposophischen Geisteswissenschaft der Frage nach, wie diese Haßliebe zustande kam "und welche Folgen sich für den einzelnen wie für die Gesellschaft" daraus ergeben.

Der Verlust alter und die Entwicklung neuer Fähigkeiten hat eine Umwälzung der gesamten Lebensweise mit sich gebracht. Das Fernsehen als jüngstes und mächtigsten Zerstreuungsmittel füllt darin sozusagen die Leere aus, die durch Vertreibung der Götter, Engel und Ideenwesen im naturwissenschaftlichen Weltverständnis entstanden ist. "Je vollkommener die Kenntnisse auf dem Gebiet von Naturwissenschaft und Technik werden, um so ärger sind die Täuschungen, die einige wenige den übrigen Menschen bereiten." Den Zerstreuungskünsten kommt die Aufgabe zu, die Aufmerksamkeit zu fessein und das spirituelle Vakuum auszufüllen. Durch die Betrachtung der Geschichte der Illusionstechniken erkennt man nach Ansicht Buddemeiers die Funktionen der neuen Medien besser. Dazu bringt er interessante Beispiele, etwa die Erzeugung von Bildern durch Licht und Spiegel im Mittelalter, die asiatischen Schattenspiele und die Entwicklung von der Laterna magica bis zur Camera obscura. Aber erst die neuen Medien "erzeugen einen Bewußtseinszustand, den der Zuschauer als ein Zurücktauchen in Zeiten erlebt, in denen er ohne eigenes Zutun mit der göttlichgeistigen Welt verbunden war". Wird dieser Zustand jedoch unreflektiert herbeigeführt - nur zur Ausfüllung des Leerraums -, dann wird diese Gelegenheit dazu genutzt, um Macht über die Menschen zu erlangen.

Buddemeier sieht in der Gegenwart vermehrt positive Entwicklungen in vielen Filmen mit okkulten, mystischen Inhalten. Für das Fernsehen gilt diese Einschränkung nicht. "Die Zeit drängt. Die Medien schädigen den einzelnen und verhindern seine Entwicklung."

Trotz einiger interessanter Passagen zur Geschichte der Medien bleibt Buddemeiers Analyse für den Nicht-Antroposophen zu sehr am Verlust des mythischen Bewußtseins hängen. Das Zerstreuungsgeschäft hat dazu geführt, daß die Menschen statt der Welt ausschließlich Bilder von ihr wahrund ernstnehmen. Der Verlust der menschlichen Urteilskraft - reduziert auf den Verfall des mythischen Potentials - muß zwangsläufig oberflächlich bleiben.

Buddemeier, Heinz: Illusion und Manipulation. Die Wirkung von Film und Fernsehen auf Individuum und Gesellschaft. Stuttgart: Urachhaus, 1987. 292 Seiten. DM 36,-/ sfr 30,50 / öS 280,80