Mit Illustrationen von Stefan RauterSimon Hadler, seit 18 Jahren Online-Redakteur bei ORF.at, plädiert dafür, den Kampf um die richtige Auslegung von Fakten in Medien und Social Media weniger erbittert zu führen, denn Fakten sind hart und biegsam zugleich. Deshalb sollten wir uns nicht von aufgeregten Medien in ein vermeintliches Drama hetzen lassen, das unser Leben eigentlich gar nicht widerspiegelt.

Für sein, von Stefan Rauter interessant illustriertes Buch, begab sich Hadler auf die Suche nach Statistiken, die sowohl unseren Umgang mit Fakten reflektieren als auch unterhaltsam sind, die überraschen und vielfach unseren Alltag betreffen. Beim Umgang mit Statistiken gelte es, so der Autor, bei den Quellen wählerisch zu sein und abzuwägen, welches Medium die Statistik präsentiert, wer (welches Institut) die Statistik gemacht hat und wie groß die Stichprobe war. Wie leicht wir uns durch Daten und Fakten in die Irre führen lassen, zeigt Hadler an zahlreichen Beispielen.

Da fällt ihm zunächst der von uns sehr geschätzte Jean Ziegler ein, der ihm im Interview versicherte, dass der Hunger in Afrika immer noch steige. Tatsächlich sprachen aber alle verfügbaren Fakten gegen Zieglers Darstellung. Der Autor hat, wie er sagt, daraus einmal mehr gelernt, dass man auch den eigenen Helden nicht ungeprüft alles glauben darf.

Der Schwede Hans Rosling zeigt anhand seiner Wissenstests, wie Menschen als Folge der medialen Berichterstattung (Only bad news are good news) völlig falsche Einschätzungen der Situation vornehmen (vgl. S. 77, Die menschliche Ignoranz und ihr Zahlenbeweis). Hadler zitiert eine Studie der Universität Standford, die die Demokratie in Gefahr sieht. Dabei wurden rund 7000 junge Menschen in den USA befragt, ob sie den Wahrheitsgehalt von Nachrichten erfassen und ob sie reine Werbung von einem Artikel unterscheiden können. Das Ergebnis: die Zahl derer, die das nicht können, ist erschreckend hoch (vgl. S. 231).

„Dass Boulevardmedien Fakten verdrehen und ständig übertreiben, überrascht nicht besonders.“ (S. 233) Es zeigt sich aber anhand eines Artikels der New York Times, dass auch Qualitätsmedien der alarmistischen Interpretation einer Statistik nicht ganz abgeneigt sind. Wie leicht sich damit Unfug treiben lässt, zeigt eine Statistik frei nach dem Motto, es muss doch einen Zusammenhang geben – so viel Zufall ist doch gar nicht möglich. Dabei geht es um die Korrelation zwischen Scheidungen im US-Bundesstaat Maine und dem Margarinekonsum in den gesamten USA von 2000 bis 2009. „Jedes Auf und Ab in der Kurve der Scheidungen macht die Margarine mit.“ (S. 209) Der ganze Vergleich beruht auf einer Software, die nach statistischen Kurven sucht, die einander ähneln oder sogar gleich sind, obwohl sie nichts miteinander zu tun haben.

Wie aber kommt man der Wahrheit auf die Spur? Vorsicht ist jedenfalls geboten, wenn seltene Produkte auf Amazon sehr viele positive Bewertungen bekommen. Wer Zweifel hegt, dem hilft unter Umständen Wikipedia weiter, wo mehr als 39,5 Millionen Artikel (Stand Juni 2016) versammelt sind. Der Vergleich zwischen Wikipedia und der renommierten Encyclopedia Britannica zeigt übrigens, dass beide, was die Objektivität der Artikel anbelangt, gar nicht schlecht liegen.

Schließlich beschäftigt sich der Autor mit dem Begriff „Kognitive Dissonanz“, der einen als unangenehm empfundenen Gefühlszustand beschreibt, „der dadurch entsteht, dass ein Mensch mehrere Kognitionen hat – Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche und Absichten -, die nicht miteinander vereinbar sind“ (S. 141). Die Fakten liegen auf dem Tisch, aber sie wirken sich nicht aus, wie sich am Beispiel Klima eindrucksvoll belegen lässt: Wir machen uns zwar tatsächlich Sorgen um den Klimawandel, gleichzeitig steigt die Zahl der neuzugelassenen Autos kontinuierlich.

Abschließend möchte der Rezensent worldometers, worldof7billion und internet live stats empfehlen, drei Beispiele, die der Autor anführt, um uns „Statistiken und Infografiken vorzustellen, die aufgrund ihrer Schönheit und Klarheit faszinieren, uns intellektuell herausfordern und in kürzester Zeit unseren Blick auf die Welt und uns selbst verändern“ (S. 151). Alfred Auer

 

Bei Amazon kaufenHadler, Simon: Wirklich Wahr! Die Welt zwischen Fakt und Fake. Mit Illustrationen von Stefan Rauter. Wien: Deuticke im Zsolnay-Verl., 2017. 270 S., € 22,- [D], 22,70 [A] ; ISBN 978-3-552-06350-1