Michael D'Antonio schreibt über Donald TrumpDie Wahrheit über den 45. Präsidenten der USA verspricht uns die Trump-Biographie von Michael D‘Antonio. Rund ein Drittel der Rezensenten – der deutschen wie der Originalausgabe „Never Enough: Donald Trump and the Pursuit of Success“, von September 2015 – ist mit dieser Wahrheit nicht einverstanden. Die Bewertungen beim größten Versandbuchhändler der Welt zeigen es deutlich. Vielleicht auch, weil „die Leute, die am wenigsten vom Geschäftsleben verstehen, ihn am meisten bewundern, und die Leute, die am meisten davon verstehen, ihn am wenigsten bewundern“ (S. 399).

Immobilien-Showman Trump

Die Anhänger „alternativer Fakten“ hat der Pulitzerpreis-Gewinner D’Antonio nicht bekehrt, wahrscheinlich mit der Publicity (ungewollt) sogar die Wahlchancen jenes Mannes verbessert, der „den vielleicht bizarrsten Präsidentschaftswahlkampf führte, den Amerika jemals erlebt hat“ (S. 11). Besonders in Europa wurde „der größte Showman der amerikanischen Immobilienwirtschaft“ (S. 389) – bis zum Morgen nach der Wahl – „eher wie eine Figur aus einer Hollywood-Farce denn als legitimer Kandidat“ (S. 13) betrachtet; allenfalls als „einer der größten Stars in der Geschichte des Reality-TV […], ein Mann, der kosmetisch aufpoliert und kunstvoll toupiert [...] bereitwillig alles sagte und tat, was notwendig war, um Aufmerksamkeit zu erregen“ (S. 375).

„Niemals genug“ trifft es recht gut, das vorläufige Resümee über das Leben eines „streitsüchtigen, tyrannisch und körperlich aggressiven kleinen Jungen“ (S. 21), der sich nach eigenen Worten in 70 Lebensjahren charakterlich nicht verändert hat, wie er nach der Wahl mehrfach betonte. Er „blieb seinem Motto treu, alles immer ,zehnfach zurückzuzahlen´, wenn er sich angegriffen fühlte“ (S. 407). „Vielleicht ist nichts in der Natur unersättlicher als der Hunger dieses Mannes nach Reichtum, Macht und Ruhm.“ (S. 29). Dies versetzt ihn in die Lage, selbst beißenden Spott und geschäftliche Rückschläge wegzustecken. Beim jährlichen Korrespondenten-Dinner des Weißen Hauses 2011 wurde er von Präsident Obama – „von dem er insgesamt ziemlich angewidert ist“ (S. 472) – und dem Comedian Seth Meyers coram publico regelrecht gedemütigt. Vielleicht hat das in ihm den Ehrgeiz geweckt, für 2016 mit seiner Bewerbung um das Präsidentenamt ernst zu machen?

Ab 1988 hatte Trump mehrmals Ambitionen für die Präsidentschaft oder den Posten des Gouverneurs von New York durchklingen lassen, gelegentlich sogar Ansätze einer Kampagne vorbereitet, bis 2016 jedoch keinerlei politisches Amt bekleidet. Frühere Bewerbungen galten vielmehr als Publicity Stunts für seine diversen Unternehmungen. Auch sie haben dazu beigetragen, „dass dieser erstaunliche Mann, der zugleich so bewundert und verabscheut wird, die bekannteste Wirtschaftspersönlichkeit unserer Tage“ (S.44) wurde. In manchen politischen Kommentaren ließ er anfangs sogar Sympathien für „liberale“ Positionen erklingen: höhere Grenzsteuersätze für Reiche, Entkriminalisierung des Drogenkonsums und von Abtreibungen. Im September 1987, kurz vor der Veröffentlichung seines ersten Buches, schaltete Trump um 90.000 $ Anzeigen in der New York Times, dem Boston Globe und der Washington Post. So wie auch nach seiner Wahl zum US-Präsidenten ließ er das amerikanische Volk wissen, dass die USA „aufhören sollten, für die Verteidigung von Ländern aufzukommen, die es sich leisten können, sich selbst zu verteidigen“ (S. 277). Neben Japan erwähnt er explizit Saudi-Arabien. Mit diesem treuen Alliierten der USA verbinden ihn wirtschaftliche Kontakte: Trump verkaufte 1989 in Geldnöten eine Mehrheitsbeteiligung am symbolträchtigen New Yorker Plaza Hotel an den saudischen Prinzen Alwaleed Bin Talal. Seine erste Auslandsreise als Präsident führte ihn dorthin, ganz im Gegensatz zu früheren diplomatischen Gepflogenheiten, die Kanada oder Mexiko als erste Destination vorsahen.

„Das Schöne an mir”

Michael D‘Antonio nimmt uns in seinem Buch mit auf eine Reise in eine Welt, welche die Intrigen, Ränke, Vetternwirtschaft und gelegentliche Skandale in der heimischen Politik wie Sandkastenspiele zwischen Kindergärtlern erscheinen lassen, in der Figuren wie Udo Proksch oder Jörg Haider allenfalls als Randnotiz vorgekommen wären. Es wimmelt von halbseidenen Immobilienhaien, verschlagenen Juristen, findigen Verteidigern, korrupten Politikern (in New York praktisch ausschließlich Funktionäre der demokratischen Partei), mafiösen Gewerkschaftern, steuer-optimierenden Investoren, honorigen Hoteliers, markt- schreierischen Medien-Tycoons, bestechlichen Beamten, glamourösen Schauspielerinnen, weltlichem Erfolg nicht abgeneigten Kirchenmännern, gierigen Klatschjournalisten, PR-geilen Celebrities und anderen Figuren wie aus F. Scott Fitzgeralds The Great Gatsby oder Tom Wolfes Fegefeuer der Eitelkeiten.

Sollte schmieriger Charme einmal nicht den gewünschten Erfolg zeigen, werden andere Saiten aufgezogen: „In seiner gesamten Karriere hat Trump so häufig Journalisten angedroht, sie zu verklagen, dass jeder Reporter, dem er nicht mit so etwas droht, sich vernachlässigt fühlen muss“ (S. 10). Zur Einschüchterung werden gelegentlich „fadenscheinige und überflüssige“ (S. 261) Klagen eingereicht, die dem Gegner enorme (Anwalts-)kosten verursachen – selbst im Fall einer Prozessniederlage Trumps – und daher meist mit der Entlassung missliebiger Personen wie des Wall Street Analysten Marvin Roffman führen. Für Reporter und Chefredakteure, die es mit der Wahrheit weniger genau nahmen, ist er jedoch „immer ein Garant für höhere Auflagen“ (S. 401) – auch während des Wahlkampfs! Gleichzeitig hat kaum jemand „in einem solchen Ausmaß von Klatschgeschichten über Prominente profitiert wie Donald Trump“ (S. 473).

In einem Interview mit Wayne Barret vom Blatt Village Voice erklärt Trump seine Motivation: „Ich würde nie einen Deal nur um des Profits willen machen. Er muss seinen eigenen Nervenkitzel haben. Sein eigenes Flair“. Ein anderer Bauunternehmer aus Manhattan drückt es ein wenig anders aus: „Trump schloss nie einen Deal ab, wenn nicht noch etwas anderes – eine Art moralischer Diebstahl – damit verbunden war. Er gibt sich nicht allein mit einem Profit zufrieden. Er muss bekommen. Sonst hat die Sache keinen Reiz“. (S. 228). Wobei er jeweils erfolgreich „die Gutgläubigkeit ausnutzte, die die meisten Menschen, selbst erfahrene Geschäftsleute, bei ihren Begegnungen mit potentiellen Geschäftspartner mitbringen“ (S. 249). Gegenüber Time wird Trump 1989 mit der (unwidersprochenen) Aussage zitiert, er besitze die Überzeugungsgabe eines Heiratsschwindlers „Ich kann mit den gebildetsten Kunstkennern in New York zusammensitzen und verstehe mich prächtig mit ihnen. Wenn ich will, kann ich sie überzeugen, dass ich genauso viel über etwas weiß wie sie, aber ich weiß nichts“ (S. 291).

Wie kein anderer hat Trump es geschafft, „seine Prominenz zu Geld zu machen […]. Obwohl ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung ihn für einen Witzbold, wenn nicht gar für eine Gefahr hält […]. Was sagt es über ihn aus, dass er, gemessen an den beiden Maßstäben, die er am meisten schätzt – Geld und Ruhm –, so unglaublich erfolgreich ist? Und was sagt das eigentlich über uns selber aus“ (S. 476). Reinhard Geiger

 

Bei Amazon kaufenD’Antonio, Michael: Die Wahrheit über Donald Trump.Berlin: Econ, 2016. 544 S., € 24,00 [D], 24,70 [A] ; ISBN 978-3-430-20221-3