Zukunft als Katastrophe

Katastrophale Zukunftsfantasien

Horn-Zukunft-als-KatastropheEva Horn hat bemerkt, dass in Fernsehserien und im Kino immer wieder „ein letzter Mensch“ anzutreffen ist. Und manchmal ist auch dieser sogar schon Vergangenheit. „Gedankenexperimente müssen nicht realistisch sein. Aber die Fiktion von der Erde ohne Menschen ist symptomatisch für eine höchst aktuelle apokalyptische Fantasie, die vom Mainstreamkino bis zum naturwissenschaftlichen Sachbuch, vom philosophischen Essay bis zum Roman reicht.“ (S. 12) Zukunft kommt in diesen aktuellen Fantasien als Katastrophe vor.

Eva Horn, Professorin am Institut für Germanistik der Universität Wien, hat sich diese Vorstellungen der kommenden Katastrophe genauer angesehen und stellt in ihrem Buch die Besonderheiten heraus. Heute denken wir diese Katastrophe zwar wie früher als einen Bruch mit der Gegenwart. Aber wir sehen sie auch als Kontinuität: Das „Weiter so“ ist die Katastrophe, wie schon Walter Benjamin dachte. Der Begriff, mit dessen Hilfe dies einleuchtet, ist der des „Tipping Points“. Eine lange kontinuierliche Entwicklung führt zu einem plötzlich unaufhaltsamen Abgleiten in die Katastrophe. Horn spricht von der „Katastrophe ohne Ereignis“.

„Das Problem ist, dass solche systemischen Umschlagpunkte schwer abzusehen sind. Denn alle selbstregulierenden Systeme (wie Ökosysteme, Märkte oder Gesellschaften) können sich lange trotz aller krisenhaften Tendenzen immer wieder selbst in eine vorläufige Balance bringen – bis sie jenen gefährlichen Punkt des plötzlichen Umschlages erreicht haben.“ (S. 18) Wenn eine Gesellschaft sich eine anstehende Katastrophe denke, die noch dazu in langfristigen (schon jetzt ausgeübten) Praktiken begründet ist, hat dies Folgen. „Zukunftsvisionen machen nicht nur die Zukunft, sondern vor allem auch die Gegenwart, die Wirklichkeit in der wir leben.“ (S. 24)

Es macht etwas mit dem Menschen, wenn er auf der Grundlage des vorgestellten Desasters seine Grenzen sucht. „Aber in dem Maße, wie er nun die Verantwortung für eine offene und gestaltbare Zukunft trägt, befindet er sich auch im permanenten, dringlichen Zustand der Sorge: Es gilt, künftige Übel zu erkennen und zu verhindern.“ (S. 376)

„Das Spezifische der heutigen Situation ist also nicht so sehr der plötzliche Verlust einer mit Hoffnung und Fortschritt schwangeren Zukunft. Es ist vielmehr die Einsicht, dass genau in diesem Fortschritts- und Wachstumsprogramm die Katastrophe verborgen liegen könnte.“ (S.377) Diese Latenz, ein „lauerndes, verstecktes und unerkennbares Geschehen“ (S. 379), sei der Grund, warum wir uns als Gesellschaft besonders intensiv mit den kommenden Katastrophen beschäftigen. Und die Bilder in den Filmen und Serien verdichten dieses Gefühl zum (Selbst-)Vorwurf: Als letzter Mensch wird man denken, man hätte es kommen sehen müssen. Das Buch spannt für die Argumentation einen historischen Bogen von der Romantik bis zur Gegenwart. Es zeigt, dass Struktur und Funktion der aktuellen Vorstellungen nur verstanden werden können, wenn man den Einsatzpunkt und die historischen Veränderungen nachvollzieht.

Von Stefan Wally

Horn, Eva: Zukunft als Katastrophe. Frankfurt/M.: S. Fischer, 2019. 474S., € 24,99 [D], 25,70 [A]

 

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