Wechselspiele: Kultur und Nachhaltigkeit

„Kultur“ und „Nachhaltigkeit“ in ihren vielfältigen Interaktionen zu analysieren, wurde bisher eher selten unternommen. Die reichhaltigen Wechselbeziehungen bringt nun ein von Oliver Parodi u. a. im Wesentlichen auf die „Weimarer Kolloquien“ der Jahre 2008 und 2009 zurückgehender Band der interessierten Öffentlichkeit zur Kenntnis. Daraus im Folgenden einige Beiträge:

Im ersten Block „Kultur im Kontext der Nachhaltigkeitsdebatte“ wird erörtert, inwieweit der Kulturbegriff in den Kontext „Nachhaltigkeit“ eingebunden werden kann. So diskutieren einleitend R. Hauser und G. Banse die Pluralität des Kulturbegriffs in der historischen Genese und der aktuellen Forschungspraxis mit diversen Ansätzen (Makro- versus Mikro-Analyse, evolutionäres Kulturverständnis u. a. m.). „Die Frage“, so ihr Resümee, „wie kulturelle Aspekte in bestehende normative Konzepte von Nachhaltigkeit integriert werden können“, sei bisher so gut wie nicht erörtert worden. Es ergäben sich diesbezüglich aber Möglichkeiten etwa im Hinblick auf die gemeinsam erlebte Geschichte, Sprache und Institutionen als Formen der Standardisierung. Josef Kopfmüller stellt mit Blick auf die zentralen Dokumente der Nachhaltigkeitsdiskussion fest, „dass die ohnehin sehr begrenzte Thematisierung kultureller Aspekte vorwiegend in funktional-instrumenteller Weise stattfindet, ohne ihnen eine eigenständige Umsetzungsperspektiven zu verleihen.“ (S. 45). Der Autor konstatiert auf beiden Seiten mangelndes Interesse („Verengung“) und plädiert um so mehr für „eine Kultur nachhaltiger Entwicklung“, die sich den „großen Fragen“, insbesondere aber jener zu stellen hätte, „welche Rolle quantitatives Wirtschaftswachstum in einer ressourcenbezogen begrenzten Welt künftig noch spielen kann.“

„Gelebte Kultur“

Der zweite Block „Kultur, Nachhaltigkeit und wie sie manifest werden“ versammelt Texte, die der Frage nachgehen, wie die Nicht-Nachhaltigkeit bzw. die Nachhaltigkeit von Kultur im Alltag erkenn- und begreifbar wird. Zwei Beiträge seien hervorgehoben. Oliver Parodi skizziert „Drei Schritte in Richtung einer Kultur der Nachhaltigkeit“. Er definiert Kultur zunächst als „Programm zur dauerhaften Aufrechterhaltung eines Kollektivs“ (S. 98) und charakterisiert unsere (global) nicht-nachhaltige Lebensweise als „Unkultur oder A-Kultur“, da sie dem auf Dauerhaftigkeit zielenden Konzept der Nachhaltigkeit diametral entgegensteht. Eine Kultur der Nachhaltigkeit wäre dagegen „die Umsetzung und Übersetzung der grundlegenden Werte und Ideen der bestehenden Nachhaltigkeitskonzeptionen in eine gelebte Kultur“ (S. 100). Um dieser näher zu kommen plädiert Parodi – Schritt zwei – für die „Korrektur von Fehlhaltungen“, vor allem die Überwindung der Trennung von Technik und Natur durch die „Kultivierung von Technik“ (ebd.: 104ff.). Da Nachhaltigkeit auf Dauer gesehen ohne Alternative sei, gehe es – Schritt drei – schließlich darum, aus der Perspektive lähmender Betroffenheit herauszufinden und die Attraktivität der „Realutopie Nachhaltigkeit“ als Impuls für den kulturellen Wandel zu begreifen.

Renate Hübner setzt sich mit der „Magie der Dinge“ auseinander, wobei sie die Gebrauchs- und Symbolfunktion materieller Güter in ihrer identitätsstiftenden Funktion (im Mix von Bedürfnissen, Rollen und Erscheinungen) ebenso überzeugend darstellt wie die Beweggründe für das unablässige Anhäufen von Konsumartikeln aller Art. Als Ursache und Folge des „Mehr-Handelns“ diagnostiziert Hübner die „mataphysische Lücke“, die sich dort aufgetan hat, wo der Mensch den Himmel entleert und die nun ihn plagende Sinnleere als Konsumwesen vergeblich zu kompensieren trachtet. Es sei offen, „ob Nachhaltigkeit als regulativ wirkende, kollektive Idee die Lücke schließen könne“ (S. 147), meint die an der Adria-Universität in Klagenfurt wirkende Kulturwissenschaftler. Zwar könne das Konzept Nachhaltigkeit als Sinnstifter auch neue individuelle wie kollektive Werthaltungen begründen; es sei aber auch nicht auszuschließen, dass es als Placebo oder Ideologie missbraucht werde.

„Große Erzählung“

Im dritten, abschließenden Block „Kultur und Nachhaltigkeit zwischen bewahren und gestalten“ werden Antworten auf die Frage gegeben, welche individuellen und kollektiven Kompetenzen erforderlich sind, um den kulturellen Wandel zu gestalten. Pädagogische Annäherungen etwa zur Bedeutung von „Kultur als Dimension eines Bildungskonzepts für nachhaltige Entwicklung“ (Ute Stoltenberg) finden sich hier ebenso wie das ambitionierte Anliegen, „Nachhaltige Entwicklung als kulturelles Projekt und große Erzählung“ zu deuten. Th. Haderlapp und Rita Trattnigg plädieren dafür, Kultur wie Nachhaltigkeit als Prozess zu verstehen, dem Widersprüche unabdingbar eingewoben sind. Anstatt diese zu leugnen, wäre es insbesondere lebendigen Demokratien angemessen, konstruktiv mit ihnen umzugehen. Nicht nur Politik und Zivilgesellschaft würden dabei als „gesellschaftliche Akteure im Bereich der Kulturkonstituierung“ (S. 352) eine wesentliche Rolle spielen; auch Kunstschaffende könnten „als Wanderer zwischen Alltagswelt und Vorstellungswelt Widersprüche“ sichtbar machen und für alternative Entwicklungspotenziale sensibilisieren“ (S. 353). W. Sp.

Wechselspiele: Kultur und Nachhaltigkeit. Annäherungen an ein Spannungsfeld. Hrsg. v. Oliver Parodi … Berlin: Ed. Sigma, 2010. 386 S., € 24,90 [D], 25,60 [A], sFr 43,60

ISBN 978-3-89404-585-2

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