Ist es in Anbetracht der zahllosen Ethiken, die sich mit so gut wie allen gesellschaftlich relevanten Teilsystemen (Technik, Recht, Medizin, Ökonomie oder Ökologie und vielen anderen mehr) beschäftigen und in zahllosen Kommissionen und Komitees verhandelt werden, notwendig und sinnvoll, neue, zusätzliche Aspekte in den aktuellen Diskurs einzubringen? Die Kommunikationswissenschaftlerin Larissa Krainer und der Philosoph Peter Heintel, die mit diesem Band ihre vielfältigen Beiträge zur Organisation von nachhaltigen Entscheidungsprozessen zusammenfassen, beantworten diese Frage mit einem klaren „Ja“. Sie verweisen dabei auf das „Fehlen konkreter Hinweise darauf, wie Ethik realisierbar ist, und zwar so, dass dadurch der Weg von der individuellen zur kollektiven Autonomie gelingen kann“ (S 12).

 

Mit dem Modell und dem praktisch schon mehrfach erprobten Verfahren der Prozessethik legen die Autoren die Basis zur Konstituierung ethischer Entscheidungsprozesse, in denen konkurrierende gesellschaftliche Teilsysteme (Ökonomie, Politik, Ökologie, Medien etc.) sich über den Austausch von Widersprüchen und Konflikten auf (neue oder bestehende) Werte und Normen verständigen und Entscheidungen treffen können. Ein „theoretischen und praktischen Hinführungen“ gewidmetes Kapitel skizziert zunächst verschiedene Polaritäten des Ethischen (zwischen menschlicher Fähigkeit oder erlernbarer Tugend, zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Selbst- und Fremdbestimmung) und beschreibt „prozessethische Vorannahmen“: Zu ihnen zählen v. a. die Beschreibung des Menschen als „Differenzwesen“ (das unterschiedliche Kulturen und gesellschaftliche Stabilität erst ermöglicht), die Notwendigkeit beziehungsweise Sinnhaftigkeit von Konflikten und die Akzeptanz von Widersprüchen und daraus resultierender Differenz. Als Beitrag zur praktischen Philosophie wird zudem die Rolle der Ethik im Kontext verschiedener Fachdisziplinen (Politik, Recht, Medien, Ökonomie, Technik, Ökologie, Medizin und Pflege, Sport, Wissenschaft, Bildung, Kultur, Geschlecht und Beratung) diskutiert. Dabei zeigt sich, dass in allen Bereichen ethische Konflikte auszumachen sind, die alle auf ihnen zugrunde liegende Widersprüche zurückzuführen sind. Wie diese näher bestimmt und im dialektischen Prozess reflektierter Selbstaufklärung konstruktiv bearbeitet werden können, zeigen Krainer/Heintel im Folgenden anhand des „prozessethischen Modells“ bzw. Verfahrens.

 

 

 

Erkundung gemeinsamer Differenz

 

Selbstaufklärung bedeutet in Anbetracht des offensichtlichen Versagens gesellschaftlicher Funktionslogiken und der zunehmend als dringlich erkannten Notwendigkeit der Überarbeitung des „Modells Neuzeit“ (Heintel), „die unbefriedigende Gesamtsituation zu akzeptieren, ihre Ursachen gemeinsam zu begreifen und Veränderungspotenziale zu identifizieren“ (S. 163). Um über das Bestehende hinaus zu gelangen und Neues zu entwickeln, gelte es, „eine gemeinsame Differenz zu allem was Sache ist“ (S. 68) herzustellen. Dazu aber, so die Autoren, ist es notwendig, Prozesse kollektiver ethischer Praxis zu initiieren und diese professionell zu steuern und zu begleiten (s. Kasten).

 

Im prozessethischen Verfahren sehen Krainer/ Heintel die Möglichkeit, „Aufklärung kollektiv werden zu lassen und damit eine Form der selbstbewussten Selbststeuerung von Kollektiven in ihrer ethischen Wertsetzung zu ermöglichen“ (S. 208). Reflexion und Differenzsetzung wollen die Autoren nicht länger nur als menschliche Fähigkeit oder Tugend, sondern „als gesellschaftlich erforderliche Pflicht“ verstanden wissen, die es ermöglicht, „autoritären oder diktatorischen Absichten entgegenzutreten“ (S. 209). Wie sie abschließend ausführen, durchläuft die Organisation prozessethischer Entscheidungsverfahren mehrere Schritte: Vom Auftreten eines Konflikts (dem ein logisch nicht zu lösender Widerspruch zugrunde liegt), über die Initiierung eines Prozesses und die Einbindung der Betroffenen (direkt oder per Repräsentationsverfahren), die Thematisierung der Situation und das Zulassen des Streitens (anstelle der Suche nach vorschnellen Lösungen) bis hin zur Ausarbeitung, Reflexion und Verhandlung von Lösungsoptionen, dem Treffen von Entscheidungen sowie der Vereinbarung von Maßnahmen zur Beobachtung der Ergebnisse. Durchlaufen werden alle Felder des Modells, wobei sich folgende Fragestellungen als hilfreich und zielführend erwiesen haben:

 

1.) Was soll so bleiben wie es ist, weil es gut ist?

 

2.) Was ist störend, (ethisch) nicht gewollt?

 

3.) Wo sehen wir Diskussionsbedarf?

 

4.) Was können wir selbst entscheiden?

 

5.) Wer ist dafür zuständig, eine Entscheidung über den vorgeschlagenen Änderungsbedarf zu fällen?

 

Das Plädoyer, prozessethische Verfahren als Foren der kollektiven Selbstreflexion und als Instanzen der „Zweiten Aufklärung“ (vgl. S. 164) zu institutionalisieren, ist ein wichtiger Schritt im Bemühen, eine neue Kultur der Gemeinsamkeit zu entwickeln, die Widersprüche akzeptiert und doch das Potenzial zu neuen Lösungen aktiviert. W. Sp.

 

Krainer, Larissa; Heintel, Peter: Prozessethik. Zur Organisation ethischer Entscheidungsprozesse. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften (u. a.), 2010. 249 S., € 39,95 [D], 41,15 [A], sFr 69,90

 

ISBN 978-3-53117250-7