Warum nur ein Green New Deal unseren Planeten retten kann

Naomi Klein über den Klimawandel

Klein-Green-New-DealDie Autorin und Umweltaktivistin Naomi Klein hat eine Essay-Sammlung vorgelegt, bestehend aus 18 Reden und Artikeln, die sich mit der Thematik Klimawandel aus verschiedenen Blickwinkeln beschäftigen und den Zeitraum der letzten zehn Jahre umfassen.

Was die mal längeren und mal kürzeren Aufsätze eint, ist eine Grundaussage: Der Klimawandel findet jetzt statt, er ist eng verwoben mit anderen Umweltkatastrophen und nicht zuletzt auch Folge eines enthemmten Kapitalismus, der mit der neoliberalen Individualisierung die öffentliche Sphäre zerstört und Konsum zum Zentrum unseres Lebens erhoben hat. Wieviel falsches Wirtschaftssystem, wieviel Ungleichheit, wieviel Macht, wieviel Rassismus stecken hinter all diesen Katastrophen? Diese Fragen stellt die Autorin, und ihre Lösung ist der „Green New Deal“ – eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung, die in ein neues Wirtschafts- und Gesellschaftssystem münden soll.

Das Buch startet mit einer intensiven Auseinandersetzung mit den systemischen Ursachen des Klimawandels. Dieser trifft nicht alle gleichermaßen hart, sondern vor allem jene, die ohnehin bereits zu den Verlierern des globalen Wirtschaftssystems gehören, sowie die junge Generation, die am wenigsten zur aktuellen Situation beigetragen hat. Die Autorin pocht dabei auf die „Kürze der Zeitachse“ – die Tatsache, dass wir nicht von einer abstrakten Zukunft sprechen, sondern dass der Klimawandel und all seine sozialen Implikationen bereits voll zuschlagen: „Die heutigen Schüler werden erst in ihren Zwanzigern sein, wenn die weltweiten Emissionen bereits auf die Hälfte reduziert sein müssen, um solche Folgen zu verhindern. Aber die schicksalsträchtigen Entscheidungen darüber, ob diese Reduktionen stattfinden – Entscheidungen, die ihr ganzes Leben beeinflussen –, werden gefällt, bevor sie das Wahlalter erreicht haben“ (S. 36).

Die gute Nachricht: Dank der engagierten SchülerInnen, dank der WissenschaftlerInnen, die immer eindringlicher warnen, ist der Klimawandel im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Die Chance, mit einem Green New Deal die Klimakrise zu bewältigen, war noch nie so groß wie jetzt – eine Option für die Verbesserung von Lebensqualität, das Ende krasser Ungleichheit und den Wiederaufbau öffentlicher Versorgung. Für diesen Kraftakt kann man durchaus aus der Geschichte lernen, etwa von Franklin D. Roosevelts New Deal oder dem Marshallplan, die Leben von Millionen verbesserten. Doch waren diese Initiativen – auf fossile Energieträger aufbauend – davon beseelt, Wirtschaft aufzubauen und Kaufkraft zu fördern.  Ein Green New Deal muss andere Akzente setzen: zum Beispiel den Wiederaufbau einer solidarischen Gesellschaft, die durch den Neoliberalismus weitgehend zerstört wurde oder die Etablierung eines „Marshallplans für die Erde“, welcher vor allem arme Menschen vor dem Klimawandel schützt und reiche VerursacherInnen zur Verantwortung zieht. Das zieht freilich Widerstand nach sich: „Mit anderen Worten, die Klimakrise fordert Rechenschaft auf Gebieten, die einer konservativen Gesinnung zutiefst zuwider sind: Umverteilung von Wohlstand, Teilung von Ressourcen und Reparationszahlungen. Einer wachsenden Zahl von Leuten im rechten Spektrum ist dies klar bewusst, und aus diesem Grund ersinnen sie diverse unredliche Begründungen, warum all dies nicht passieren dürfe.“ (S. 58)

In Folge begleitet das Buch die LeserInnen auf eine Reise durch die Umweltkatastrophen und verpassten Chancen der letzten zehn Jahre, angefangen bei dem Fiasko der „Deepwater Horizon“ – jener Ölplattform von BP, die 2010 explodierte, elf Menschen dabei tötete und zu einer gigantischen Ölkatastrophe im Golf von Mexiko führte, deren Auswirkungen bis heute nicht abgeklungen sind. Was bei diesem Desaster deutlich zutage trat, war die Allianz aus Wirtschaftsinteressen und Politik, welche die Nöte der lokal Betroffenen wegwischte und den Gedanken des „alles ist möglich“ zelebrierte – eine Verliebtheit in technische Machbarkeit, die Fehlschläge entweder ausblendet oder nur als eine weitere technische Herausforderung sieht.

Weitergehend nimmt Klein uns zu einer Konferenz des konservativen, Klimawandel-leugnenden Heartfield Institute mit, wo führende Wirtschaftstreibende der USA sämtlichen Klimaschutz-Maßnahmen eine Absage erteilen – mit dem Argument, diese dienten nur dazu, den Sozialismus durch die Hintertür einzuführen (vgl. 86f.). Die Debatte um den Klimawandel wird dabei zusehends zum Kulturkampf, in dem wissenschaftliche Fakten nur mehr eine Nebenrolle spielen: „In der Weltsicht dieser Ultrakonservativen nimmt der Widerstand gegen den Klimaschutz eine ebenso zentrale Stellung ein wie die Verteidigung niedriger Steuern, das Recht auf Waffenbesitz und der Kampf gegen Abtreibung. Viele Klimawissenschaftler berichten von Todesdrohungen, desgleichen allerdings auch Verfasser von scheinbar unverfänglichen Artikeln zu Themen wie Energiesparen.“ (S. 90) Bemerkenswert ist Kleins Bewertung der Klima-Leugnungs-Bewegung: Deren AnhängerInnen haben tatsächlich begriffen, eventuell auch besser als manch KlimaschützerInnen, dass Klimaschutz einen kompletten Umbau des Systems erfordere – der mit allen Mitteln verhindert werden muss, um die eigenen Privilegien zu sichern. (vgl. S. 93)

Technischen Lösungen des Klimaproblems steht die Autorin skeptisch gegenüber, wie sie etwa in ihrem Essay zu Geo-Engineering betont: Zu wenig seien die Auswirkungen von größeren Projekten wie das Kultivieren von Algenteppichen zur CO2-Bindung, oder das Ausbringen von Chemikalien in der Atmosphäre bekannt – vor allem wenn es um globale Effekte geht, die wieder die Länder des Südens stärker beeinträchtigen würden. In allen Essays aber vor allem in ihrer Rede zur Abschlussfeier am College of the Atlantic betont Klein die wichtige Rolle des Staates, von Öffentlichkeit und von Regulierung: „Hört auf, die Welt im Alleingang retten zu wollen“, so der Aufruf der Autorin (S. 147). Wirkliche soziale Änderungen wurden historisch nur durch Zusammenschluss von Betroffenen Realität, wie Gewerkschaften oder Bürgerinitiativen zeigen. Individueller Lebensstil bzw. Konsumentscheidungen einzelner werden die Welt nicht retten, auch wenn sie natürlich wichtig bleiben: „Es geht nicht darum, dass eine Sphäre wichtiger ist als die andere. Sondern darum, dass wir beides tun müssen: global kämpfen und lokal handeln“ (S. 153).

Immer wieder werden die aktuellen Auswirkungen des Klimawandels thematisiert, etwa die gewaltigen Flächenbrände, welche 2017 in Kanada und den USA wüteten. Diese treffen vor allem die sozial Schwachen: MigrantInnen, prekär beschäftigte ArbeiterInnen, sozial Schwache, die unter schwierigen Bedingungen leben und arbeiten. „Zwei-Klassen-Katastrophen“ nennt Klein dieses Phänomen (S. 242). Dabei betont sie, dass der Klimawandel nicht das „Versagen“ der gesamten Menschheit sei, wie etwa Nathaniel Rich in seinem Buch „Losing Earth“ postuliert, sondern vielmehr ein Resultat eines neoliberalen Wirtschaftssystems, dessen stärkste Verteidiger auch die größten Verursacher des Klimawandels sind. Der Grund, warum man seit 40 Jahren nichts gegen den Klimawandel unternimmt ist schlicht, dass die ProfiteurInnen des Systems nach wie vor an den Schalthebeln der Macht sitzen und keinerlei Interesse an einer Umgestaltung des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems haben.

Wie viele andere AutorInnen betont Naomi Klein, dass Veränderungen in unserer Lebenswelt unausweichlich sind: „Veränderungen kommen so oder so auf uns zu. Wir können nur entscheiden, ob wir diese Veränderungen zum Wohle aller gestalten oder ob wir passiv abwarten, während die Einflüsse der Klimakatastrophe, der Verknappung und der Angst vor den ‚Anderen‘ uns grundlegend verändern“ (S. 299) – letzteres vor allem in Hinblick auf die absehbaren Migrationsströme, welche der Klimawandel verstärken wird. Doch nicht Verzweiflung oder Angst sind angebracht, sondern eine positive Vision der Zukunft, eine Botschaft, wie wir ein gutes Leben für alle schaffen und gleichzeitig den Klimawandel aufhalten können. Der Green New Deal soll dafür Sorge tragen: etwa, wenn neue „grüne“ Jobs und ein gerechteres Wirtschaftssystem entstehen, durch die Besteuerung großer Konzerne bzw. dem „Trockenlegen“ von Steueroasen. In einer sozial sicheren Welt werden auch rechte Parteien, die derzeit an den Fundamenten der Demokratie sägen, an Zuspruch verlieren. Letztendlich werden wir am Green New Deal nicht vorbeikommen, wenn wir auch den nächsten Generationen ein gutes Leben ermöglichen wollen – und er ist machbar.

Ein Buch für alle, die an eine positive Zukunft glauben und sie mitgestalten möchten.

Von Birgit Bahtić-Kunrath

Klein, Naomi: Warum nur ein Green New Deal unseren Planeten retten kann. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2019. 351 S., € 24,- [D], 24,70 [A]