Unangepasste „Bekenner“

Die Vorbilder, die eine Epoche prägen, sagen über die Menschen, die sie wählen, zumindest ebenso viel aus wie über die Auserkorenen. Dies zumindest legt der Abriss zum Wandel der Vorstellungen darüber, was bzw. wer im Verlauf der deutschen Geschichte als vorbildhaft angesehen wurde, nahe, mit dem Jost Hermand, emeritierter Kulturhistoriker und Honorarprofessor an der Humboldt Universität zu Berlin, einen gleichermaßen persönlichen wie zeitgeschichtlich spannenden Band über deutsche Vorbilder der Zeit von 1945 bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts eröffnet. Identitätsstiftende Führungspersönlichkeiten, so Hermands Befund, waren Heilige, Herrscher ebenso wie vorbildliche Gestalten aus Handwerk/Wissenschaft, Theologie und Kunst (Gutenberg, Dürer) oder aber – das eigentliche Thema Jost Hermands – nach dem Zweiten Weltkrieg Persönlichkeiten, die sich dem Versprechen westlicher Wachstumsideologie ebenso kritisch und distanziert gegenüber verhielten wie den Verheißungen des „real existierenden Sozialismus“. Das intellektuelle Ringen „Bekennender“ – denn das sind dem Wortsinn nach akademisch Lehrende, denen der Titel „Professor“ verliehen wird – um eine solidarische, menschenwürdige, integere Wissenschaft, die sich keiner Ideologie unterzuordnen bereit war, wird hier in bisher so nicht bekannter Vielfalt ausgebreitet, um erinnert und bestenfalls auch als Auftrag verstanden zu werden.

Elf Persönlichkeiten gewürdigt

Hermand porträtiert elf Persönlichkeiten, die, wie er im Schlusswort anmerkt, seinen Weg als kritischen, linken Intellektuellen geprägt haben, sei es aufgrund langjähriger Zusammenarbeit, persönlicher Freundschaft oder prägender Lektüre.

Ergebnis dieser Erkundung des eigenen Erkennens und Bekennens sind sachlich wohlwollende, aber auch mit kritischen Einwürfen gezeichnete Würdigungen, die etwa dem Kunsthistoriker Richard Hamann, dem Romanisten Werner Krauss, dem Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski und dem Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth gelten. Darüber hinaus werden das Wirken von Georg Knepler (Musikhistoriker), des Literaturwissenschaftlers Hans Mayer, Helmut Gollwitzer (protestantischer Theologe), von Walter Grab (Historiker) sowie des Literatur- und Theaterwissenschaftlers Werner Mittenzwei in Erinnerung gerufen.

Die Reihe der vorgestellten „Partisanenprofessoren“ – der Begriff ist Jürgen Habermas anlässlich einer Würdigung seines Lehrers Wolfgang Abendroth zu danken (vgl. S. 19 u. 99) – komplettiert Robert Jungk. Jost Herman würdigt ihn als „einen aus dem NS-Staat vertriebenen Juden, [dem] unter den deutschen Geisteswissenschaftlern ein besonderer Ehrenplatz gebührt“ (S. 197). Die detailreiche Darstellung bedarf, wie ich meine, allein in einem Punkt der Ergänzung: Robert Jungk, der von 1970 an mit seiner Familie in Salzburg lebte, hat hier wesentliche Teile seines publizistischen und agitatorischen Wirkens als Mahner und Ermutiger konzipiert und von hier aus in die Welt getragen. Allein schon in Anbetracht der Tatsache, dass Jungk im Alter von 79 Jahren als Kandidat der Grünen für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten kandidierte, widerlegt die These Hermands, dass sich Jungk zu Ende seines Engagements als „ideologisch freischwebender Intellektueller (…) mehr und mehr nach Salzburg zurückzog[en]“ habe (S. 208f.).

Angesichts der Tatsache, dass sich infolge der weitreichenden Umwertung gesellschaftlicher Prioritäten auch der Charakter gesellschaftlicher Vorbilder grundlegend verändert hat, ist die Lektüre dieses Buchs mit ein Stück Wehmut verbunden, aber auch mit der Erinnerung zu verknüpfen, dass es immer wieder herausragende Persönlichkeiten gab, denen es selbstverständlich war, für ihre Überzeugungen und für politische Veränderungen zu streiten. Wie Jost Hermand in seinem Schlusswort feststellt: Sich der hier gewürdigten Elite intellektueller Widerständigkeit im geteilten Deutschland „nicht zu erinnern, erschiene mir [mit Heiner Müller gesprochen]  – trotz der inzwischen vergangenen Zeit – geradezu konterrevolutionär“ (S. 277). Ein wichtiges Dokument progressiver Erinnerungskultur! Walter Spielmann 

 Hermand, Jost: Vorbilder. Partisanenprofessuren im geteilten Deutschland. Köln (…): Böhlau, 2014. 310 S. 34,90 [D], 35,90 [A] ; ISBN 978-3-412-22365-6, 27,99 [E-Book] ; ISBN 978-3-412-21813-3

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