Streitschrift für barrierefreies Denken:
Lotter_Innovation

Innovation, Innovation, Innovation. Atemlosigkeit prägt den Umgang mit diesem Thema. Weiter, schneller, voran, ohne nachzudenken. Nachdenken aber lohnt. „Wir leben in Zeiten der Innovationsinflation“, sagt Wolf Lotter, der großartige Erklärer des Wandels von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. In seinem Buch “Innovation”, das sich, so der Untertitel, als Streitschrift für barrierefreies Denken versteht, holt er das Thema raus aus dem Verwertungsverdikt, unter das es in wirtschaftlichem Interesse zu gerne gestellt wird. Denn Innovation ist mehr. Und ist breiter zu denken. „Innovation heißt Differenz, Unterscheidung“ (S. 32), betont Lotter. „Innovation ist die Störung der herrschenden Verhältnisse zugunsten einer neuen Idee.“ (ebd.) Wahre Innovation beginne, „wo Menschen weiter denken, als ihnen zugestanden wird“ (S. 59).

Zitate wie diese finden sich in diesem Buch sehr häufig. Der Essayist Lotter, beim Wirtschaftsmagazin brand eins zuständig für die Titelgeschichten, versteht es, Dinge auf den Punkt zu bringen. Essayistisch ist auch sein neues Buch angelegt. Es ist keine wissenschaftlich inspirierte Abhandlung, sondern bietet Streifzüge durch die Themenfelder Innovationskultur, Innovatoren, Innovationsgesellschaft und den zeitlichen Horizont der Erneuerung. Das Buch macht deutlich: Innovation entzieht sich der Verwertungslogik. So wie gute Ideen kaum durch verbissenes Nachdenken entstehen, braucht Innovation eine offene, freie Gesellschaft. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Und sie verkörpert Zuversicht, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft: „Innovation ist der berechtigte Anlass für die Hoffnung, dass es besser wird.“ (S. 19)

Gegen Verkürzungen und Irrtümer

Wolf Lotter schreibt gegen die Verkürzungen und Irrtümer an, die den gesellschaftlichen Diskurs über Innovation oftmals prägen. Die Betonung technischer Innovation zum Beispiel. Doch „die technische Innovation folgt der kulturellen und sozialen Innovation“ (S. 204). Oder die vom Innovationshype getriebene Erwartung, dass Innovationen stets überraschend kämen. Mitnichten, sagt Lotter und verweist auf die „langen Wellen der Erneuerung“: „Innovationen erweitern langfristig Horizont und Möglichkeiten.“ (S. 106) Oder den Irrglauben, dass sich Innovationen managen ließen, Stichwort Innovationsmanagement. Doch „Innovation setzt fast immer Scheitern voraus, Scheitern ist die Voraussetzung für alle künftigen Erfolge.“ (S. 198) Oder auch die Fehleinschätzung der Bedeutung von Schlüsselinnovationen. Lotters schönes Beispiel, gefunden bei dem Wirtschaftshistoriker David Landes: Demnach ist die zentrale Innovation der Neuzeit die Erfindung der Brille. Die nämlich machte es möglich, dass Handwerker und Gelehrte ihr gesammeltes Wissen auch in fortgeschrittenerem Alter praktisch nutzen konnten. Die Brille bewirkte somit eine Verlängerung der produktiven Zeit der Menschen. Sie konnten produktiv tätig sein in einem Alter, wo früher die schwindende Sehkraft eine natürliche Altersgrenze gebildet hatte.

Die wachsende Bedeutung von Innovation ordnet sich dann auch in einen solchen langfristigen Wandlungsprozess ein: den Paradigmenwechsel von der industriellen in die wissensbasierte Kultur und Ökonomie. Innovation als „eine soziale Kraft, die aus Gegensätzen etwas Konstruktives schafft“ (S. 193) ist der zentrale Topos der Wissensgesellschaft, die auch langsamer kommt als viele glauben. Und die weit mehr auf Differenz, Widerständigkeit und Eigensinn gründet, als die trockene Bezeichnung glauben machen will. „Der Eigensinn ist die Grundlage des Gemeinwesens der Wissensgesellschaft“ (S. 182), sagt Lotter. Der große Paradigmenwechsel ist längst im Gange, aber längst nicht verstanden. Zu diesem Verstehen tragen Bücher wie dieses bei.

Von Winfried Kretschmer


Lotter, Wolf: Innovation. Streitschrift für barrierefreies Denken. Hamburg: Edition Körber, 2018. 224 S., € 18,- [D], 18,50 [A]

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