Geisterstunde prolongiert

Mehrere Monate lang war dieser Titel in den Bestsellerlisten des österreichischen Buchhandels zu finden. Das ist gut so. Von berufener, oder besser, von offiziell befugter Stelle wurde indes kaum ein Einwand gegen diese luziden, streitbaren und zugleich sachlich höchst fundierten Einwendungen laut. K. P. Liessmann, einer der, wie mir scheint, zugleich um- und weitsichtigsten Vor- und vor allem auch Querdenker des Landes, sticht mit dieser Publikation tief in die Wunden der pädagogischen Zunft. Die fundierten Kenntnisse des Autors – Liessmann war vor seiner universitären Karriere selbst Lehrer an einem Gymnasium – gewährleisten, dass die hier vorgebrachten Einwände und Anregungen mit größtmöglicher Präzision vorgebracht werden.

In zehn Kapiteln, jeweils mit dem Adjektiv „Gespenstisch“ eröffnet, kritisiert Liessmann den ungezügelten Hang zur Evaluierung im Bildungswesen. Mit „Pisa“ und „Bologna“ sei vor allem die „Logik von Bildungskatastrophen“ (S. 23) zu assoziieren. Dem „Sozialcharakter der Bildungsexperten“, dem „Verschwinden des Wissens“ oder der grassierenden „Disziplinlosigkeit“, hier verstanden als Erosion des tradierten Fächerkanons, sind weitere Abschnitte gewidmet. Vehement wendet sich Liessmann gegen die Tendenz, die Vermittlung von Wissen mit der Verwendung von PowerPoint gleichzusetzen, und bestechend klar vermittelt er die Risiken und Grenzen des globalen Netzes als Ort des unbegrenzten Wissens; nicht minder scharf kritisiert er aber auch die „Infantilisierung der Pädagogik“, durch die Wissenserwerb kaum noch mit Mühe und Arbeit assoziiert, sondern als Konsumhaltung missverstanden werde. Das Lob einer zweckfreien Bildung in der Tradition Humboldts, sarkastische Anmerkungen über die wachsende Unfähigkeit sinnerfassenden Lesens – ist Analphabetismus gar das geheime Bildungsziel? –, pointierte Einwände gegen die „Diktatur der Geschäftigkeit“ – „Für die Statistiken der Bildungspolitiker und Bildungsökonomen ist es wichtig, dass möglichst viele Besucher einer so genannten Universität auch möglichst rasch fertig werden.“ (S. 157) – sowie ein Plädoyer für die Wiederentdeckung der „Schönheit des Nutzlosen“ runden diesen hellsichtigen und mutigen Band ab. Es ist davon auszugehen, dass er an Aktualität so bald nichts verliert. Umso eindringlicher sei er zur Lektüre und Reflexion empfohlen. Walter Spielmann

 

 Liessmann, Konrad Paul: Geisterstunde. Die Praxis der Umbildung. Eine Streitschrift. Wien:

P. Zsolnay, 2014. 191 S., € 17,90 [D], 18,40 [A] ; ISBN 978-3-552-05700-5

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