Die smarte Diktatur

welzerBreit rezipiert und euphorisch bis kritisch gewürdigt wurde die Analyse “Die smarte Diktatur” über „den Marsch in die Unfreiheit“ von Harald Welzer. Neben den vielen Krisen der Welt, von denen keine einzige mit den Mitteln der Digitalisierung zu lösen sei, geht es Welzer hauptsächlich um das Internet und im Speziellen um die totalitäre Macht der Internetkonzerne. Das Prinzip der Wachstumswirtschaft, so der Soziologe und Direktor der Stiftung Futurzwei, sei dort allgegenwärtig. Die hier praktizierte Form des Kapitalismus ist seiner Ansicht nach „räuberischer, desintegrativer, zerstörerischer denn je“ (S. 17). Zudem heble die Überwachung via Smartphone und PC unsere demokratischen Grundwerte aus. Welzer weist darauf hin, dass die digitalen Möglichkeiten der Einführung von „Selbstzwangstechnologien“ (S. 26) uferlos seien. Und sie versprechen uns jedes Mal, die Welt besser bzw. einfacher zu machen. Für jedes Problem gebe es die richtigen Lösungen. Was wäre aber, wenn wir mit vielen Dingen gar kein Problem hätten und diese oder jene Smartphone-Innovation gar nicht bräuchten? Dieser ketzerischen Überlegung zum Trotz sind wir alle längst zu Datensammlern geworden und liefern freiwillig Angaben, die in Summe ein relativ genaues Abbild unseres Lebens liefern. Das wiederum ermögliche eine lückenlose Überwachung sowohl von staatlicher als auch privater Seite, was zur Erzeugung von informationeller Macht über Menschen führe, wie der Autor ausführt.

Zu Mißverständnissen Anlaß gibt Welzers historischer Vergleich mit dem „Dritten Reich“. Am Beispiel von Cioma Schönhaus, einem in Berlin lebenden Juden, versucht er zu zeigen, dass sich „trotz Geheimpolizei, trotz radikaler Gewalt, trotz Überwachung, trotz Kontrolle, soziale Räume des Überlebens geboten“ hätten (S. 38). Heute, so der Autor, gebe es solche Nischen nicht mehr. „Alle sozialen Felder, alle räumlichen Nischen sind taghell ausgeleuchtet. Was heißt: Es wird nicht nur niemand gerettet. Es gibt auch keinen Widerstand.“ (S. 38) Heute, so seine Vermutung, hätte Schönhaus also nicht überlebt.

Welzer präzisiert im Folgenden seine düstere Analyse der Welt, die, so der Autor, heute schon ein totalitäres Narrenparadies geworden sei. Die „Übergangszonen ins Totalitäre“ (ab S. 232) seien jene Bereiche, in denen sich Demokratisches in Diktatorisches verwandelt. Diese ortet Welzer erstens im Hyperkonsum, zweitens in der „Magisierung“ des Marktes durch dessen Überhöhung von einem sozialen Mechanismus der Verteilung zu einer schicksalhaften Macht, drittens sei es die Art und Weise, wie Menschen ihre Beziehungen und ihre Identität gestalten (Sozialität). Weiters sieht er als Ergebnis der Digitalisierung den Wandel von der „res publica“ zur „res oeconomica“. Als sechste Übergangszone definiert der Autor die Erklärung der individuellen Lebenslagen zum Schicksal („Schicksal schließt Politik aus“, S. 235). Als siebte Zone nennt der die um sich greifende „Bewertung“ von allem und jedem, die schließlich zum Verschwinden der Privatheit durch die „Transparenz“ genannte Überwachung als (alles umfassende) achte Zone führe.

Nach der überwiegend scharfsinnigen und trefflichen Beschreibung der Folgen der Digitalisierung eröffnet Welzer Optionen des Widerstands. Man müsse, so des Autors eindringlicher Appell, vor allem eine andere Zukunft wollen als jene der smarten Diktatoren mit ihren langweiligen und phantasielosen Effizienzhöllen. „Gerade in unserer absurden Gegenwart, die zwischen dem höchsten jemals erreichten Lebensstandard und realen und irrationalen Ängsten vor allem und jedem oszilliert, sind Zukunftsbilder, Skizzen eines möglichen anderen Lebens, Wirtschaftens und Kooperierens unverzichtbar.“ (S. 248) Mit zahlreichen anderen AutorInnen ist er überzeugt, dass wir die digitale Zukunft (noch) gestalten können.

„Vorwärts zum Widerstand“ (ab S. 259) heißt denn auch das abschließende Kapitel, in dem der Soziologe dazu auffordert, für die Freiheit und die Demokratie zu kämpfen. Dieser Einsatz müsse mutig sein und Unterhaltungswert haben, um auch „die Coolen“ zum Mitmachen zu bewegen. Neben Praktiken der paradoxen Intervention empfiehlt der Autor, nicht im Internet einzukaufen, Updates zu verweigern und das Smartphone überhaupt wegzuwerfen. Gegen die smarte Diktatur – die „digitale Entlebendigung“ –  müsse man das reale Leben, Poesie, Musik, Sex, Liebe, eben alles was Leben ausmacht, setzen. Eine bemerkenswerte, nachdenklich stimmende Analyse, von der der deutsche Philosoph Richard David Precht während der Buchpräsentation in Berlin sagte, er habe seit langem kein Buch so schnell und in einem Rutsch durchgelesen und habe am Ende so schlechte Laune gehabt wie bei diesem Buch (zit. nach Rezensionen v. 11.5.2016 unter kulturbuchtipps.de). Alfred Auer

Bei Amazon kaufenWelzer, Harald: Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit. Frankfurt/M.: S. Fischer, 2016. 319 S., € 19,99 [D], 20,60 [A] ; ISBN 978-3-10-002491-6

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