Die im Auftrag der Carter-Administration verfasste Studie »Global 2000« machte im Jahre 1980 erstmals auf die internationale Dimension der Umweltzerstörung aufmerksam. Seit 1984 veröffentlicht das renommierte »Worldwatch Institute« unter der Leitung von Lester R. Brown jährlich einen Bericht »Zur Lage der Welt« der nun erstmals auch in deutscher Sprache vorliegt. Neben dem Problem der Begrenzung der Weltbevölkerung, die als Voraussetzung zur Lösung der dringendsten ökologischen Krisen notwendig erscheint, widmen sich die Autoren ausführlich dem Phänomen der Verstädterung. Das unkontrollierte Wachstum in den Ballungszentren wird zunehmend zu Spannungen vor allem in der Dritten Welt führen, die zusätzlich durch die Verknappung der Wasservorräte verschärft werden. Als vordringlich wird in diesem Zusammenhang auch eine langfristige Strategie des bewussten Umgangs mit wertvollem» Unrat« angesehen. Hier sind es vor allem die Industriestaaten, die durch gesteuerte Maßnahmen verstärkt auf die Durchsetzung umfassenden Recycling~ dringen müssten. Wie ausgeprägt die Verschwendungsmentalität vor allem in den USA ist, belegen zwei. Beispiele: 1986 gaben die Amerikaner mehr Geld für Verpackungsmaterial aus, als die Bauern an Einkommen erhielten; die Einwohner von New York werfen jedes Jahr ein Neunfaches ihres Körpergewichts in Form von Abfällen fort. Ohne die Chancen des ökologischen Landbaus zur Deckung des WeIternährungsbedarfs im Einzelnen zu diskutieren, empfiehlt der Report eine Begrenzung der chemo-technischen Landwirtschaft. War das Verhältnis zwischen Getreide- und Düngemitteleinheit 1950 noch 46: 1, so hat es sich bis 1986 auf 13: 1 verschoben und vor allem in Europa zu teils dramatischer Anreicherung der Böden und des Grundwassers mit Nitraten geführt. Anlass zur Sorge geben im Übrigen die chemischen Kreisläufe, wobei der Anreicherung der Atmosphäre durch CO2-Konzentrationen in Folge der Verbrennung fossiler Materialien die größte Bedeutung zukommt. Stellt man jedoch in Rechnung, dass in der industriellen Produktion zurzeit rund 70.000 Chemikalien in Gebrauch sind und jährlich zwischen 500 und 1000 dazukommen, wird deutlich, dass »die größten Risiken nicht darin liegen, was über die gesundheitlichen Auswirkungen bekannt ist, sondern eher in dem, was nicht bekannt ist-. Neben der Fülle von Problemen, die nach Ansicht der Autoren nicht im nationalstaatlichen Rahmen, sondern nur durch internationale und interdisziplinäre Anstrengungen gelöst werden können, stellt der permanente Rückgang der Atomenergie sowie der zunehmende Einsatz regionaler, wiederverwertbarer Energiekonzepte einen Lichtblick dar. Als Zeichen des »politischen fallouts« nach der Katastrophe von Tschernobyl, der statistisch bis zum Jahr 2000 drei weitere Unfälle folgen müssten, wird nicht nur der weltweit wachsende Widerstand der Bevölkerung angesehen, sondern auch die Weigerung junger Techniker und Politiker, sich für diesen Sektor der Energiegewinnung stark zu machen. Nachdem die Atomindustrie in den letzten fünf Jahren Einbußen von 75 % (gemessen an den eigenen Erwartungen) hinnehmen musste, deutet alles darauf hin, »dass sich viele Länder für einen sorgfältig geplanten Ausstieg aus der Atomenergie aussprechen werde - ein Schritt, der nicht nur der ökonomischste, sondern auch aus anderen Gründen der naheliegendste ist«,   Dieser kritische Katalog der globalen Umweltkrise ist trotz der Komplexität des Themas ungemein übersichtlich und allgemein verständlich formuliert. Für all jene, die fundierte Daten und Fakten über den Zustand der Erde suchen, um sich und andere zu informieren - eine unverzichtbare Quelle. Sie macht deutlich, wie dringlich die entschlossene Koordination aller Bemühungen um eine Gesundung unseres todkranken Planeten ist. Um den Bedrohungen wirkungsvoll zu begegnen, bedarf es nicht nur wissenschaftlicher Kooperation in bisher unerreichtem Maß, wie es das »Global Change Program« oder H. P. Dürrs Initiative eines »Global Challanges Network« anstreben. Die Lage der Welt ist auch eine Herausforderung für jeden einzelnen.

Zur Lage der Welt 87/88. Daten für das Überleben unseres Planeten. Worldwatch Institute Report. Deutschsprachige Fassung hrsg. u. Gerd Michelsen. Frankfurt/ M.: S. Fischer, 1987. 328 S.