“In unserer Shareholder-value-Gesellschaft kommt immer erst die Rendite, dann die Moral” (S. 61). Dieser Satz stammt von einem, der es wissen muß. Daniel Goeudevert war über Jahre Vorstandsvorsitzender der deutschen Fordwerke und dann Mitglied des Konzernvorstands von VW. Der nunmehrige Vizepräsident der “Fondation pour l´Économie et le Développement durable des Régions d´Europe” und Berater des Generaldirektors der UNESCO geht scharf ins Gericht mit den aktuellen Tendenzen des Turbo-Kapitalismus. Er spricht vom “Elend im Wohlstand”, von der “Diktatur des Angebots”, von der “Beschleunigungsfalle”. Er kritisiert die mangelnde soziale Verantwortlichkeit der Unternehmen und die Desorientierung der Politik, die sich immer mehr auf Beruhigungsstrategien (“Bloß niemanden verstören”, S. 83) beschränke.

Der ehemalige Topmanager setzt dem seine gar nicht so unrealistischen “Träume” entgegen. Er fordert von Unternehmen eine Balance zwischen sozialen, ökologischen und Aktionärserfordernissen (die “weitverbreitete Personaldiät-Mode” (S. 67) führe nicht weit, Wirtschaften müsse heute mehr denn je heißen, Kompromisse zu schließen) . Er skizziert Managementstrukturen, die von Kommunikation, Offenheit und Motivation geprägt sind. Er plädiert für eine Kultur geistiger, sozialer und räumlicher Beweglichkeit im zusammenwachsenden Europa (wobei er sich selbst als Vorbild hierfür sieht). Beweglichkeit ist für Goeudevert auch der Schlüssel zur Lösung der Arbeitslosigkeitsproblematik. Da die Rückkehr zur Vollbeschäftigung für ihn eine trügerische Lüge darstellt, will er “Arbeitslosigkeit so beweglich wie möglich” machen. Wenn nicht immer dieselben Menschen arbeitslos sind, verlöre diese ihre Dramatik (S. 85). Notwendig sei auch eine Abkehr von unserem Anspruchsdenken (“Weniger verdienen, damit jeder etwas verdienen kann” S. 87).

Viel Aufmerksamkeit widmet der Autor der Schule, welche vor allem Neugier und Bereitschaft zu permanentem Lernen wecken müsse. Die Verbindung von Theorie und Praxis will Goeudevert in einem Projekt in Düsseldorf namens “Campus” (Center for Advanced Management, Projects and Utility Studies”) selbst verwirklichen, in dem Führungskräfte analog dem dualen System der Lehrlingsausbildung frühzeitig Praxiserfahrungen in Unternehmen sammeln sollen (Noch fehlt es an interessierten Firmen und an Geld). Das Buch endet schließlich mit Reflexionen über Europa, deren Staaten zwar unterschiedliche Identitäten und die Sicherheit über die eigene Herkunft  bräuchten (eine Sicherheit, die etwa den Deutschen abhanden gekommen sei), dessen Gemeinsamkeiten jedoch weit über die gemeinsame Währung  hinaus ausgebaut werden müßten. Noch sei die EU ein “Chor von Nationalegoisten” (S. 182).

Goeudevert ist in vielem zuzustimmen, etwa wenn er mehr Gestaltungskraft der Politik einfordert, die nur mehr der Wirtschaft hinterher hechle, ja selbst sein Plädoyer für den Abschied von der Vollbeschäftigung alter Prägung eröffnet neue soziale Perspektiven.  Das uneingeschränkte Lob der Beweglichkeit (etwa jener der Arbeitskräfte) kann jedoch auch zur ideologischen Falle werden, insbesondere wenn man bedenkt, daß sich das Leben aus der Sicht eines erfolgreichen Topmanagers wohl anders darstellt als in der Perspektive einfacher ArbeitnehmerInnen.


H. H.

Goeudevert, Daniel: Mit Träumen beginnt die Realität. Aus dem Leben eines Europäers. Berlin: Rowohlt, 1999. 223 S.