Auf eine der letzten Sommerakademien des ÖSFK geht der Band „Zivilgesellschaft im Konflikt“ zurück. Beschrieben werden darin die Chancen und Grenzen, Praxiserfahrungen und theoretischen Grundlagen ziviler Konfliktbearbeitung. Gleich zu Beginn erinnert Ulrich Menzel daran, dass die Zunahme von Gewalt und die Erosion staatlicher Strukturen in vielen Regionen nicht nur Entwicklungszusammenarbeit, sondern auch zivile Konfliktbearbeitung desavouiere. Ein zentrales Problem sieht er im Fehlen einer bürgerlichen Gesellschaft in vielen Staaten, in denen nicht wirtschaftlicher Erfolg, sondern Macht über den Zugang zu Ressourcen entscheide: „Viele Konflikte, selbst wenn sie religiös oder ethisch grundiert werden, sind Konflikte zwischen Fraktionen der Elite um den Zugriff auf die Rente, mit der auch die eigene Klientel bedient wird.“ (S. 34) Karin Fischer macht in der Folge deutlich, dass es keinen einheitlichen Begriff von Zivilgesellschaft geben könne. Ansätze, die sich auf kapitalistische Strukturen stützen (im Sinne der bürgerlichen Gesellschaft von Menzel), sind ebenso denkbar wie emanzipatorische Bewegungen, die andere Formen kooperativen Wirtschaftens erproben, oder Interessensverbände wie Gewerkschaften oder Berufsverbände. Als Beispiel nennt Fischer Handwerksverbände in den Städten der islamischen Welt, die eine wichtige zivilgesellschaftliche Funktion hätten (S. 46). Tilman Evers geht auf die Handlungsmöglichkeiten ziviler Konfliktbearbeitung ein und zeigt anhand einer Analyse über 40 Friedensschlüsse seit 1990, dass jene unter Beteiligung zivilgesellschaftlicher Akteure haltbarer und leichter umzusetzen waren als solche, die die Streitparteien nur unter sich ausmachten (S. 67).

Weitere Beiträge widmen sich den Möglichkeiten und Grenzen zivil-militärischer Kooperation, dem von Wilfried Graf und Gudrun Kramer entwickelten Ansatz „Interaktiver Konflikttransformation“ (mit einem Fallbeispiel aus dem Tamilenkonflikt), einem 7-Phasenmodell der Konfliktbearbeitung in Anlehnung an Galtungs SKP-Prinzip (demgemäß Konflikte immer strukturelle, kulturelle und persönliche Ursachen haben) sowie zur Politischen Bildung als Friedensarbeit (Magdalena Freudenschuss). Aufhorchen lässt ein Beitrag über so genannte „Nonwar Communities“, Zonen des Friedens innerhalb von Konfliktregionen. Diese zeichnen sich aus durch die Fähigkeit, sich aus Konflikten herauszuhalten, nicht aus pazifistischen, sondern aus pragmatischen Überlebensmotiven, wie Christina Saulich und Sascha Werthes berichten. Als Beispiel nennen sie Tuzla, in dem auch während des Krieges bosnische, serbische und kroatische Gruppen zusammengearbeitet und ihre Stadt gemeinsam gegen Angriffe der serbischen Freischärler verteidigt haben. Charismatische Führungspersönlichkeiten und nicht-hierarchische Gemeinschaftsstrukturen machen die beiden u. a. als Bedingungen solcher „Peace Societies“ aus. 22

Bei Amazon kaufenZivilgesellschaft im Konflikt. Vom Gelingen und Scheitern in Krisengebieten. Hrsg. v. Maximilian Lakitsch ... Wien: LIT-Verl., 2016. 211 S., € 9,80 [D, A] ; ISBN 978-3-643-50728-0