Das Andere der Zivilgesellschaft

Ausgabe: 2002 | 4

Volker Heins ZivilgesellschaftSteckt die politische Theorie, wie der Autor, eingangs mit dem britischen Politologen John Gray meint, tatsächlich in einer Sackgasse, „weil ihr seit geraumer Zeit nichts mehr einfällt, als entweder die Befreiung des Einzelnen vom Staat (…) zu fordern oder aber die nostalgische Sehnsucht der befreiten Individuen nach Gemeinschaft und Bindung zum Ausdruck zu bringen“? (S. 7). Heins unterstützt diese These und konstatiert, dass „dem Diskurs der Zivilgesellschaft ein früher Tod infolge empirischer Belanglosigkeit droht“. Das Problem sei „nicht die Mehrdeutigkeit, sondern die Vagheit des Terminus“, der von einem „historischen Kampfbegriff zur Worthülse verkommen“ sei. Der Autor, er lehrt u. a. Politikwissenschaft an der Universität Essen, hat sich mit diesem Essay die „Aufhellung des semantischen Untergrunds des Zivilgesellschaftsbegriffs“ in vier Schritten zum Ziel gesetzt. Zunächst beschreibt er zwei „Gegenbilder“, durch die der Begriff der Zivilgesellschaft seine historische Prägnanz und politische Bedeutung gewinnt. Es ist zum einen der bereits bei J. Calvin und in der Folge bei M. Weber, A. Gramsci und H. Arendt auszumachende Versuch, das Zivile als gesellschaftlichen Gegenentwurf gegenüber „Fantasten, Sektierern und Barbaren“ zu etablieren, Kräften also, die das Recht des Souveräns und die Bürger durch die Auflösung von Ordnung bedrohen; zum anderen wurde – Gegenbild 2 – die Zivilgesellschaft immer wieder auch als Korrektiv übermächtiger Ordnung, wie sie von „Kriegern, Menschenplanern und Bürokraten“ propagiert wird, eingefordert. Ein „Kippbild“ schließlich macht Heins im Verhältnis von „Citoyen oder Producteur“ aus, in dem er die Verfügbarkeit an materieller Produktion zugleich als Bedingung und Begrenzung zivilgesellschaftlichen Engagements beschreibt.

Das vor allem von Ulrich Beck propagierte Projekt der „Zweiten Moderne“ und die ihm eingewobene „globale Zivilgesellschaft“ unterzieht Heins scharfer Kritik. Diese sei ein „Trugbild“, denn es könne ihr nicht gelingen, „den globalisierten Kapitalismus einzudämmen“: zum einen, weil sie in vielfältigen Spezialinteressen verfangen sei, zum anderen, weil ihr, in Abwesenheit eines die Wirtschaft lenkenden Weltstaates, „der imaginäre Zwischenraum fehlt, in dem man die Träger einer global Zivilgesellschaft ansiedeln könnte“ (S. 74). Um den Begriff „Zivilgesell-schaft“ dennoch für zukünftige Befunde zu retten, stellt Heins abschließend folgende „Arbeitsdefinition“ zur Diskussion: „Unter ‚Zivilgesellschaft’ ist der öffentliche Gebrauch zu verstehen, den Bürgerinnen und Bürger von ihren Grundrechten und Kommunikationsfreiheiten machen, um sich ihrer Solidarität untereinander und/oder gegenüber Fremden zu versichern.“

In der semantischen Analyse des Terminus überzeugend, wird Heins der (auch  im Folgenden dokumentierten) politischen Bedeutung zivilgesellschaftlichen Engagements nicht gerecht. Wenngleich auf dem Weg zu einer nachhaltig solidarischen Politik noch viel zu leisten ist, steht doch der grundsätzlich wesentliche Beitrag, den die Zivilgesellschaft dazu leistet, außer Frage. Die Reduktion des Zivilen auf die Einforderung von Grundrechten und Freiheit der Kommunikation wird – ihrem Potenzial zur Veränderung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen nicht gerecht. W. Sp.

Bei Amazon kaufenHeins, Volker: Das Andere der Zivilgesellschaft. Zur Archäologie eines Begriffs. Bielefeld: Transcript, 2002. 102 S., € 14,80

ISBN 3-933127-88-2