Die Freizeit wird zum Problem, wenn Langeweile entsteht, also ein Zustand der Ratlosigkeit, wie man die zur Verfügung stehende Zeit sinnvoll nutzen kann. Wenn man nicht in der Lage ist, selber ein Konzept dafür zu entwickeln, muß man auf fremde Eingebungen und Ratschläge zurückgreifen. Der Bedarf an Gestaltungsvorschlägen hat in den USA zu einer organisierten Freizeitberatung geführt. Die Einstellung gegenüber Arbeit und Freizeit ist historischen Wandlungen unterworfen. Lange Zeit war das "protestantische Arbeitsethos" "(Max Weber) beherrschend, das die Arbeit als Sinn des Lebens ansah. Diese Einstellung hat sich heute geändert, aber vielleicht doch nicht in dem Maße, wie Elisabeth Noelle-Neumann es behauptet. Die Abnahme der Arbeitsmoral, die sie konstatiert, hat nicht unbedingt einen Rückgang des tatsächlichen Arbeitseinsatzes zur Folge. Viele Bundesbürger geben an, daß sie sich nur in der Freizeit selber verwirklichen können. Die Freizeit gewinnt eine immer größere Bedeutung. Nach einer Umfrage von 1986 wünschen sich 30% aller Arbeitnehmer lieber ein paar Stunden mehr Freizeit als eine Lohnerhöhung. Ursprünglich diente die Freizeit in erster Linie zur Regeneration der Arbeitskraft: man wollte sich ausruhen und kam nicht auf den Gedanken, sich außerhalb der Arbeit einer sinnvollen Tätigkeit hinzugeben. Heute versucht man der Freizeit einen Inhalt zu geben, und zwar entweder nach der Kompensationsmethode, also durch die Gewohnheit, im Sport oder im Urlaub möglichst viele Reize aufzunehmen, so daß letztlich eine größere Erschöpfung eintreten kann als durch die Arbeit, oder nach der Suspensionsmethode, indem man nämlich Arbeiten, die einem mehr Freude bereiten als der tägliche Brotberuf, mit in die Freizeit aufnimmt, z. B. Schwarz-, Bastel-, Heimwerkarbeiten oder die schriftstellerische Tätigkeit eines Berufsjournalisten. Vester untersucht darüber hinaus das spezifische Freizeitverhalten von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und alten Menschen. Auch der Arbeitslosigkeit widmet er einen längeren Abschnitt und stellt dar, daß auch sie für einen sinnvollen Einsatz der Kräfte genutzt werden kann, ohne daß man diesen Zustand, wie es heute allgemein der Fall ist, als soziales Stigma empfinden muß. Mit großem Fleiß bemüht sich der Autor um eine wissenschaftliche Analyse der Literatur, die er zu diesem Thema vorgefunden hat. Wenn auch der Mangel an eigenständiger Reflexion auffällig wirkt, so wird das Buch durch die Sekundärliteratur und die Fakten, die sie vermittelt, recht interessant und lesenswert.

Vester, Heinz Günter: Zeitalter der Freizeit. Eine soziologische Bestandsaufnahme. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1988. 203 S.