Thomas macho

Warum wir Tiere essen

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Warum wir Tiere essen

„Warum essen wir Tiere?“ fragt der Philosoph Thomas Macho. Seine schlichte Antwort: „Weil wir eben Tiere sind.“ (S. 32) In seinem historischen Exkurs macht Macho deutlich, dass Mensch und Tier über lange Zeit als Einheit gesehen wurden. Erst Aristoteles habe eine spezifische Differenz zwischen beiden betont: Der Mensch sei zwar ein Tier, aber ein besonderes, weil er als einziger zur Sprache und damit zum Denken befähigt sei. Mit dieser Spaltung sei auch die Abwertung der Tiere einhergegangen. Während es bei den frühen Jägern sowie in der rituellen Tötung von Tieren im Zusammenhang mit Opferkulten so etwas wie „Tötungsschuld“ gegeben habe – Menschen- und Tieropfer standen oft in engem Zusammenhang, kenne dies die „technisch optimierte und mechanisierte Massenschlachtung von Tieren“ (S. 11) in der industriellen Moderne nicht mehr.  Die Haustiere der agrarischen Lebensformen seien verschwunden. „Sie haben sich diversifiziert: in Nutztiere, zu denen die Menschen keine Beziehungen unterhalten, und in Schoßtiere, die wiederum keinen Anforderungen geteilter Nützlichkeit genügen müssen.“ (ebd.) In agrarischen Gesellschaften war der Fleischverzehr reglementiert: „das Fleisch der Tiere war und blieb bis zur industriellen Moderne ein seltenes Gut“ (S. 96). Heute kaufen und essen wir Billigstfleisch aus der Massentierhaltung.

Thomas Macho widmet sich dieser Veränderung des Verhältnisses von Tier und Mensch, etwa in der Unterscheidung von „sichtbaren und unsichtbaren Tieren“ (S. 59). Er geht auf das „Manifeste animaliste“ (2017) der Philosophin und Tierethikerin Corine Pelluchon ein, die darin erinnert, „das gemeinsame Schicksal zu erkennen, das uns mit anderen Lebewesen verbindet“ (S. 54). Er widmet sich Aspekten wie „Fleisch und Macht“ bzw. der „Gleichung Macht- und Leibesfülle“ (S. 69), dem Hungerstreik, den modernen Essproblemen wie Magersucht oder dem unter jungen Menschen an Bedeutung gewinnenden Vegetarismus und Veganismus. Die Antwort, dass der Mensch Tiere isst, weil er selbst eines sei, befriedigt den Autor nicht. Er ortet am Ende drei einander ergänzende Strategien für eine Fleischwende: „Veganismus, Novel Food und eine wesentlich strengere Regulierung der Fleischindustrie.“ (S. 107). In Summe ein erhellender Essay mit zahlreichen historischen und aktuellen Bezügen, der – wie mittlerweile andere auch – zum Überdenken unseres Verhältnisses zu den Tieren einlädt.