Es soll durchaus hellsichtige Zeitgenossen geben, die der Ökonomie bestenfalls einen Platz im weiten Feld der Belletristik zugestehen wollen. Für Hans Christoph Binswanger - über viele Jahre Inhaber eines Lehrstuhls für Volkswirtschaft an der Universität St. Gallen und in den Jahren 1992 -1995 Direktor des "Instituts für Wirtschaft und Ökologie" - ist dieses harsche Urteil indes eine ernstzunehmende Herausforderung. Ihm geht es darum aufzuzeigen, daß die Wirtschaft keinesfalls als abgeschlossenes System zu begreifen ist, "das eigenen Gesetzen gehorcht und nur aus sich heraus erklärt werden kann" (S. 7). Vielmehr sei sie ein wesentlicher Teil unserer gesamten Kultur- und Lebenswelt, deren Entwicklung und kritische Reflexion demnach auch in der Literatur ihren Niederschlag findet. Dieser Sammelband vereint fünf in den Jahren 1991-1997 entstandene und für diese Zusammenstellung überarbeitete Aufsätze, die bisher schwer zugänglich waren.

Im erstmals von Kallimachos (305-240 v. Chr) überlieferten "Frevel des Erystichton" (und weiteren Bearbeitungen des Mythos durch Ovid und Pierre de Ronsard) macht Binswanger den "Ursprung der ökologischen Krise" deutlich: der Königssohn fällt trotz eindringlicher Warnung in den heiligen Hain der Demeter ein, um einen Festsaal zu bauen und wird von der erzürnten Göttin mit unstillbarem Hunger bestraft: Bettelei, Selbstverzehrung und Verödung sind - je nach Gewichtung des Themas - die Folgen fehlender Selbstbeschränkung. Das Festhalten der Katheder-Ökonomie an Adam Smiths "Theorie der unsichtbaren Hand" sei, so der Autor, v. a. aufgrund der fehlenden lokalen Verflechtung der Wirtschaft unumgänglich. Perspektiven zu einer ethisch-sozialen Verpflichtung macht Binswanger hingegen in Goethes "Faust" sowie "Wilhelm Meisters Wanderjahren" aus. (Ausführlich dazu der dritte Beitrag "Chancen und Gefahren der modernen Wirtschaft im Spiegel von Goethes Dichtung").

Daß aus der chinesischen Ökonomik, insbesondere bei Konfuzius, den ”Legisten" und aus der Marktlehre des ”Guan Tse" vor allem die Ergänzung des ”Homo oeconomicus" durch ethische, politische, soziale und nicht zuletzt auch ökologische Komponenten zu lernen sei, ist Gegenstand eines weiteren Beitrags. Wie nachhaltig das Eindringen der Geldwirtschaft das Leben von Völkern verändert, die bis vor kurzem in naturalwirtschaftliche Kreisläufe eingebunden waren, wird schließlich am Beispiel der Erwenken und Burjaten exemplarisch erläutert. Die Dynamik des Geldes zu bändigen und so umzusteuern, daß aus quantitativem Wachstum eine Verbesserung der Lebensqualität entsteht. sieht Binswanger als uns allen vorgegebene Aufgabe. Daß diesbezüglich aus der Literatur - lehrreich und vergnüglich zugleich - viel zu erfahren ist, verdeutlicht dieser Band aufs vorzüglichste.

W Sp. 

Binswanger, Hans Chr: Die Glaubensgemeinschaft der Ökonomen. Essays zur Kultur der Wirtschaft. München: Gerling-Akad-verl.; 1998. 131 S., DM / sFr 32,- / öS 234,-